„ICH KANN’S MIT ALLE, ABER AB UND ZU SAG ICH AUCH MEINE MEINUNG UND DANN SCHAUN’S“
Was passiert, wenn es von heute auf morgen kein Gesprächsthema mehr gibt?
Das Ende dieser Plapperkultur zeigt der Kabaretist Altinger – wie könnte es anders sein – am ur-bayerischen Mikrokosmos der Gemeinde Strunzenöd. Denn nur hier treffen Profilneurotiker auf Schauknutscher; Defiliermarschaffiniciados auf philosophische Fußballprofis. Nur hier kann man so richtig mit dem “Edmund” um die Macht rangeln, während der eigentliche Strippenzieher des Dorfes mit Reinhold Messner in Caorle Urlaub macht. Sie haben kein Wort verstanden! Aber bitte, das war Ihnen doch schon nach dem Titel klar!
Kurzum: Er ist nicht mehr ganz so nett wie wir ihn alle kennen, der Altinger. Denn mittlerweile wird der Nettigkeit nicht mehr viel Platz gelassen in einer Zeit des großen Abschieds: Die Arbeit verabschiedet sich ins Ausland, der Staat von seinen Bürgern, Eltern von ihren Kindern, Zähne von ihren Gebissen. Das macht sich natürlich auch bemerkbar in Strunzenöd… .
Begleitet wird dieses rockende Höllenspektakel wie immer von der brachialen Ein Mann-Band: Martin Julius Faber - für jeden sexuellen Anspruch flächendeckend.
Worum geht’s aber jetzt eigentlich wirklich? Inhalt und Anliegen
„Ich kann’s mit Alle, aber ab und zu sag ich auch meine Meinung und dann schauns.“ Eine Frage, die ich sehr scheue, besteht aus genau zweieinhalb Worten so Altinger:
„Worum geht’s Herr Altinger?“
Die Angst hat etwas zu tun, mit der knappen Antwort, die i.d.R. darauf erwartet wird. Sie soll möglichst alles umfassen, originell sein und das Programm schubladengerecht machen. Deshalb möchte ich die Frage einmal an mich selber richten und hier etwas ausführlicher beantworten.
Grundthema ist die Themenlosigkeit unserer Gesellschaft und insbesondere meiner Generation, der Mid-Dreißiger. Wir haben uns darauf verlegt, uns in unsre Vergangenheit zu flüchten, (Retro-Shows im Fernsehen, in der Literatur siehe Stuckrad-Barré, Illies, Jochimsen…) um jeder Auseinandersetzung mit der Zukunft bequem aus dem Weg gehen zu können. Wir haben aufgegeben, eigene neue Themen zu suchen und lassen uns immer bereitwilliger füttern.
In meiner Geschichte bin ich der Themenfütterer für meine Strunzenöder, allerdings ist mir mein Futtermaterial (SIM-Karte, auf der die Themen gespeichert sind) abhanden gekommen und nun ist die Panik in Strunzenöd ausgebrochen. Ich versuche die Themen anhand eines Hilfsmittels (alter Filofax/Terminplaner) zu rekonstruieren und dabei komme ich auf die wichtigsten Strunzenöder, Symbolfiguren der Themenlosigkeit
1. Der Beckenbauer, er lacht nach jedem Satz, er lacht zu viel, zu laut und deplatziert. Er fürchtet jedes Schweigen, das seine Themenlosigkeit offenbaren könnte. Er will das Gespräch an der sicheren Oberflächlichkeit halten, um seine eigene hole Existenz erträglich zu machen. Dabei haßt er jede Form von Witz! Er kann über alles lachen, nur nicht über heitere Dinge. Vielleicht, weil er nicht daran erinnert werden möchte, woher das Lachen eigentlich kommt.
2. Marianne und Michael, die ständig Zungenküsse demonstrieren müssen, sobald Publikum in der Nähe ist. Sie haben schon lange kein gemeinsames Thema mehr und haben deshalb beschlossen, Thema zu sein. „Wir sind die, die immer verliebt sind.“ Wenn man Michael alleine trifft, dann hat er durchaus ein Thema: „Bausparer voll machen, Speicher ausbaun und das wars dann!“ Quasi das Ende aller Themen als Thema.
3. Der Edmund, ein Oberprofilneurotiker, der meint, den anderen Menschen die wahren Themen predigen zu können, aber selbst nur in einem erlogenen Lebensentwurf herumtanzt. Ein Populist, der gerne Themen vorgeben würde, aber letztendlich nur an seinem eigenen Aufstieg interessiert ist
4. Der Alle, ein professioneller Betrüger, mein Held des Programms. Er macht sich die Unreflektiertheit und die einfachen Sehnsüchte der anderen zu Nutze, ist aber im Grunde ein großer Menschenfreund, der die Leute nur dazu bringen will, wieder selbständig neue Themen zu finden und sich wieder ums eigene Leben zu kümmern.
Mein Drama: Ich bin nicht nur der Themengeber, sondern auch ein Abhängiger. Abhängig von Dingen, wie Filofax und SIM-Karte. Erst der Verlust der SIM-Karte macht mir bewusst, was es bedeutet, wieder selber denken zu müssen. Mein Hirn allein ist überfordert. Ich vergesse nicht nur Themen, sondern sogar die Namen der dazugehörigen Personen. Deshalb erhält jeder Bekannte einen Promi-Namen, weil diese Namen in meinem Kopf immer präsent sind.
Erst am Ende taucht ein Name auf, der mir tatsächlich von selbst einfällt. Sie heißt Sugar. Sie ist mein größtes persönliches Problem. Die Frau, die immer mit jedem was hatte, nur mit mir nicht. Ich will, dass sie was von mir will und ich dann endlich in Würde „Nein“ sagen kann. Über diesen Wunsch rutsche ich schließlich zu meiner eigenen Lebenslüge, zu meiner Flucht vor der Bedeutungslosigkeit.
Bevor aber nur noch peinliches Schweigen bleibt, rettet mich der „Alle“, indem er mich zwingt, nach Strunzenöd zurückzukehren und einmal richtig auf den Tisch zu hauen, damit wieder neue Themen selbständig gesucht werden können.
Der Martin (die Band) und ich, so Altinger, "haben dem Programm bewusst einen trashigen Charakter gegeben, mit vielen, kurzen Liedern aus verschiedensten Musikrichtungen, mit schnell wechselnden, immer wieder auftauchenden Figuren, mit Klassikern (Gretchenmonolog aus Goethe’s Faust) und viel Zerstörungswut. Dieser Stil macht es uns möglich, Spaß zu entwickeln, an einem Thema, das uns sehr ernst ist."
Termin: Freitag, 12. Mai 2006 – 20.00 Uhr
Ort: Konzertsaal der Berufsfachschule für Musik, Konrad-Mayer-Str. 2, Su.-Ro.
Tel. Reservierung für den 12. Mai unter 09661.510 110 oder im Internet unter www.kulturwerkstatt-online.net
Weitere Infos zu Michael Altinger finden Sie unter www.michael-altinger.de
Weitere Termine in Bayern:
Tickets und weitere Informationen zu den Auftritten:MICHAEL ALTINGER KELHEIM 29.04.2006 20:00 hier
MICHAEL ALTINGER MÜNCHEN 05.06.2006 20:30 hier
Foto: Altinger
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