Wie schön: Stille Weihnacht ohne Gebläse
Ein Kommentar von Andrea Limmer
Es gibt so Situationen, da kann man sich noch so sein Gehirn verrenkten und massieren und sich die Synapsen wundschwurbeln und bei verständigen und nicht verständigen Menschelein um Rat winseln und trotz alledem, trotz alledem ist man ratlos. Da guckt man dann irgendwohin, seufzt und sagt, nein, es sei ja alles okay und nein, man habe freilich überhaupt gar kein Problem, ABER...
Zum Beispiel an Weihnachten, dem Fest der Liebe zu schönen, unnützen Dingen und dem Fest der Würstelfresserei. Jedes Jahr wuselt dieses Weihnachten mit dem Geruch nach warmen Glühwein, wieder hinaufgeschickten Glühwein, schon durchgelaufenen Glühwein und mit diesem fetten Kerl auf dem Kapitalismustruck und mit der Frage: „So ein Scheißdreck, was schenk ich bloß der Tante Inge und meiner Cousine Beate?!“, ja das alles wurschtelt sich in unser überlastetes Hirnkasterl hinein.

Und genau: Die Welle der Ratlosigkeit bricht über einem zusammen. Obwohl Leute etwas dahersalbadern wie, dass was Selbstgemachtes doch immer am Schönsten sei und blubbblubbblubb. Das ist eine Lüge, genauso wie: „Im Winter gibt’s kein Eis!“ oder: „Die Zähne im Glas gehören nicht der Oma, sondern der bösen Hexe und die holt dich, wenn du dein Lüngerl nicht aufisst.“
Ich finde, dass ein Buch ein super Geschenk ist. Leider stehe ich mit meiner Meinung ziemlich allein und ziemlich dumm da, genauer gesagt stehe ich dann dumm in einer Ecke und versuche den Gesichtsausdruck des Beschenkten zu vergessen, was mit ein paar Gläsern von irgendsoeinem argen Feuerzangengemisch recht gut hinhaut, weil eine arges Feuerzangengemisch in jedem Fall noch viel schlimmer ist, als wie irgendsoein undankbarer Mensch, der sein Gesichterl verzieht, wenn er ein Buch bekommt und dann noch viel älter ausschaut, weil’s ihm seine Falten dermaßen verschiebt, dass ich gleich einen Tacker holen will, um ihm seine Ohrwascherl am Hinterkopf zusammenzunageln.
Undankbarkeit und Genervtheit, das sind zwei "westerwellenartige Alltagsmonster", die der Geduld schon mal das Wadel wegbeißen können und meine Theorie ist, dass Undankbarkeit, Genervtheit und eine daraus schachterlteufelartig aufspringende Gewalt, das die also alle am Fön liegen. Ja, ja, den haben bloß die Münchner und auch nicht immer, weil auch die Münchner nicht immer alles haben können, ich weiß es schon.
Maschinen die keiner braucht
Aber wir Menschelein entwickeln ja wie die Derwische irgendwelche depperte Maschinen, ohne zu wissen, ob wir sie wirklich brauchen und wie man ihnen im anderen Fall „Pfui gehst weg da“ sagt und deswegen gibt’s halt nicht mehr nur den Fön, der fröhlich in die Münchner Schädel hineinbrummt und ihnen alles vom Denken bis zum Fühlen verschwurbelt und sie für jeden Schmarrn aber für den gesunden Menschenverstand unempfänglich macht. Nein, inzwischen gibt es viele hübsche kleine Abarten vom fiesen, miesen Arschfön, genannt: Bläser, genauer: Laubbläser.
Vieles ist verboten - nur Laubbläser nicht - warum eigentlich?
Ich kenne niemanden persönlich, der Laubbläser mag, geschweige denn besitzt. Aber oh, ich kann sie hören und ich kann sie spüren und immer wenn mich ein unerklärliches Zittern und Wackeln und Hyperventidingsda überfallen, dann kreischt ein paar Sekunden später schon eine dieser infernalischen Höllenmaschinen los, um die unsäglichen Blätter, die unverschämterweise vom Baume fallen und auf dem Grau der Stadt herumliegen, zu vernichten. Rechen? Besen? Harr! Hinterwäldlerisches Geschwätz, mag der Laubbläserbesitzer heiser rufen, um mit fiebrigem Blick herumzuwirbeln und seine Laubkreise zu ziehen. Ein Menschelein, genauer gesagt ein Mann ohne Kopfhaar dafür mit viel Grant und Schlag, der im Haus gegenüber wohnt, der mäht ja im Frühjahr und im Sommer jede Woche mit seinem stinkenden Dieselrasenmäher ein etwa DinA-4 großes Stück Rasen neben dem Gehweg und an meinem Büro poltern und holpern jeden Tag die Lastwagen mit großem Hallo vorbei, dass es in meinem Hirnkasterl nur so rumpelt. Alles nichts, im Vergleich zu den laubblasenden Höllenhunden.
I blas' Dir einen - blasen ist doch nicht gleich blasen
Sobald diese Kreischbestien von ihren Besitzern mit stolzem Blick und liebevollem Griff herumgetragen werden, brennt bei den gequälten Mithörern des totalen Wegblasens eine Sicherung durch. Extrem genervt könnt man zu solchen Reaktionen sagen, wie zum Beispiel, mit Gegenlärm auf Laubbläser zu antworten. Und die Leut scheinen eh immer genervter zu sein. Und wenn die Leut genervt sind, dann fallen ihnen so Sachen ein, wie, dass sie einfach den Fernseher lauter machen, oder dass sie ihre Köpfchen heben und herumnäseln: „Ah geh! So was!“, wenn sie in der Zeitung lesen, wie viel Promill' irgendeiner gehabt hat, der halt grad zufällig ein paar Leberkaaslätschen in die Arme gelaufen ist, die vielleicht grad grantig waren, weil sie da grad keinen Leberkäs bekommen haben und deswegen die Promille in Menschengestalt aufgehalten haben und sie haben blasen lassen.
Und den genervten Menschlein fällt alle paar Monate das Ende Welt ein und, dass eh jetzt dann bald mal kommen muss und, dass man auch gleich einen superduper Megafilm drüber drehen könnte, weil es so einen Film ganz bestimmt noch nicht gab. Und dann salbadern alle ganz gescheit darüber, was sie machen würden, wenn morgen der Tag der letzten Zigarette sein würd', was einem Laubbläserbesitzer immer passieren kann und dann reden alle ganz gescheit über das verschissene Klima undsoweiterundsofort und alle sind sich natürlich, gebührlich und gar keine Frage einig, das weniger Abgas und mehr Luft in die Luft gehört, aber trotz alledem, trotz alledem werden diese beschissenen Kreischmaschinen, die einem jeden Gedanken aus dem Schädel herauszuschneiden scheinen, weiter herumgetragen, als wären sie tollwütige Schoßköter.
Und genau: Die Welle der Ratlosigkeit schlägt über dem bläsergequälten Kopf zusammen.
Vielleicht heißt die Weihnachtszeit doch immer noch „staade Zeid“, weil im Winter keine kreischenden Laubbläser durch die Gegend getragen werden. Und hoffentlich liegen auch keine mehr unter irgendwelchen langsam vor sich hinsterben Christbäumen herum, sondern mehr Bücher, die machen schließlich überhaupt keinen Radau, außer man zerstört zum Beispiel mit „Vom Winde verweht“ einen Schädel oder einen Fernseher oder einen Streifenwagen oder einen Laubbläser. Aber immerhin: Mit einen Laubbläser könnt man bestimmt das braune, nadellose Gehölz, dass mal ein Christbaum war, im März dann mitsamt den braunen Knisternadeln, die auf dem Boden herumliegen und notfalls schön vom Kater verteilt werden, ja das ganze Geraffel – ohne Kater – könnte man zur Zimmertür hinausblasen.
In diesem Sinne: Stille Nacht, heilige Nacht und ein frohes neues Blätterwachsjahr.

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