Spotlight : Alt-68er: Wo blieb die Konterrevolution?
Geschrieben von redaktion am 03.03.2010 13:10 (4119 x gelesen)

Die hässliche Pflicht der Erbschaft

Ein Kommentar von Andrea Limmer

Andrea LimmerNeulich: Eine Freundin erzählt mir ziemlich detailliert vom unvermeidlichen Gang der Gänge, der da bei jedem Menschelein einhergeht, nämlich vom Altwerden. Sie erzählt das mit allem drum und dran und wirklich irgendwie grausig. Also, so grausig, dass sich ein junger Mensch fragt, ob er jemals über den Zenit der 35 Jahre haxeln will. Beim gedanklichen Wiederkauen der Beschreibung des Verrunzelns, stellt der junge, aufmerksame, temporär geschockte Zuhörer fest, dass das drum und dran nicht so grausig ist, wie zuvor gedacht. Denn das drum und dran beschränkte sich auf den körperlichen Verfall. Und weil bei allen Menschen die Zellen zerbröseln (ja auch bei dir Madonna!), ist das weiter kein Drama.

Allerdings kommt man vom körperlichen Verfall direkt auf den geistigen Verfall. Und der springt den Mitmenschen freilich noch deutlicher als ein paar Falten entgegen.

Ein Beispiel? Nehmen wir die mutierten Alt-68er – also diejenigen, die mit der Zeit zu anständigen Menschen mutierten, nicht diejenigen, die immer noch auf dem „vollen Trip, Mann“ sind und immer noch meinen, sie sind der Innbegriff von Woodstock und RAF, weil sie leere Klopapierrollen vor ihrem dreckigen Fenster in ihrem versifften Bad stapeln.

Nein, wir reden von den ersteren, obwohl sich beide Arten ja eigentlich eh bloß in Art und Menge der konsumierten Drogen und Art und Menge des Kapitalbeschaffens unterscheiden. Erstere sieht man also in sauteuren, schwarzen Bonzenkarren oder mit einem guten Roten zwischen ihren Ikeamöbelchen „Hultö“ und „Träby“ herumlächeln oder an besonderen Tagen „echt total progressiv so“ in ihren ehemals konspirativ verrauchten Kneipen hocken und in der Kneipe hört man die einst Parolen herumkreischenden Revoluzzer in einem derart empörten, resignierten und irgendwie angeekelten Ton „echt total progressiv so“ über die Jugend salbadern, das man glauben könnte, sie referierten über Schleimpilze und deren unmöglichen Lebenswandel. Sprich: Sie nörgeln lieber an der Jugend herum, als dass sich die Altrevoluzzer noch en gros über in ein großes deutsches Propagandakäseblatt mit fetten, hetzerischen Schlagzeilen aufregen.

Die Konterrevolution in der Tiefgarage

Früher haben sie Straßensperren vor dem Verlagshaus des hirneinschmelzenden Propagandakäseblatts mit ihren Karren errichtet, heute reden sie groß von Früher und der Revolte und vom „meiwiewarnwirschneidigundgefährlich“ und bangen derweil krawattenzerrend und konterrevolutionär in der längsgestreiften Konformistenuniform um ihren Tiefgaragenplatz. Und während sie um ihre Stellplätze bangen und raufen, erziehen/erzogen sie ganz nebenbei ihren Nachwuchs.

Dazu pumpen sie im Kollektiv mit den Großeltern und den Lehrern und Guido Westerwelle Verhaltensregeln und Ängste in die lieben Kinder, um anständige und funktionierende Mitglieder der Gesellschaft aus ihnen zu schmirgeln. Ein gewisses Maß an Individualität, wie ausgefallene aber nicht zu ausgefallene Klamotten (für – man halte sich fest: Bonzenpartys) und die Wahl seines persönlichen Lieblingsgetränks mag noch erlaubt sein. Beim Essverhalten wird das mit der Individualität schon ein Stück schwieriger – warum, so fragt sich das Kind, warum soll ich Kartoffelsalat nicht mit den Fingern essen, wenn dadurch die Mama weniger abzuwaschen braucht. Eine Logik die sich leider nicht allen erschließt.

Denn die Revolution ist natürlich, gebührlich und gar keine Frage bei vielen Eltern, Lehrern und zweifelhaften Staatsmenschen unerwünscht, egal ob jene Damen und Herren ehemalige menschliche Steinschleudern waren, oder nicht. Besonders seit der Kapitalismus uns alle so herrlich in seinen schmierigen, gierigen, gelben Klauen hält. Und dort fühlen sich die meisten anscheinend pudelwohl. Vom Busen des Westerwelle - Verzeihung - des Kapitalismus saufen die Menschen derzeit schon beim Heranwachsen Verhaltensregeln und Ängste wie Baileys in sich hinein und werden zu melkbereiten Konsumviechern.

Die Kapitalismuslehren werden von den Medien doppelt unterstrichen und täglich fleißig in jeden Haushalt hineingeschossen. Die neueste Metastase dieses Geschwürs hat sich im Fernsehen gebildet in Form von plötzlichen Werbeeinblendungen WÄHREND ein Film oder eine Sendung läuft. Ja, es herrscht Krieg und alle gehen hin – „bloß um mal zu gucken und so“.

Beim Scheißen ausspioniert

Von Nicht-Revoluzzern erwartet man ja gar nicht mehr, dass sie sich aufRAFfen, und die blödsinnigen verblödenden RTL-Sat1-Pro7-TV-Shows, die sich das Image von Nachrichten geben, wegschalten und sich die Bundestagsdebatten und das schwammige Meine-Damen-meine-Herren-Blabla anzuhören, um dann die Methoden der Obermöpse wie ein Arschfurunkel oder eine aufgeplatzte Kröte zu begutachten und eventuell auf den Gedanken zu kommen: „Was zur Hölle TUN die da eigentlich? Und was zur Hölle, tun die mit MIR?! Und warum brauchen wir ein Notstandsgesetz und warum kann mir der Staat beim Scheißen zuschauen, wenn er will?!“ Aber vom mutierten Nörgel-68er könnte man erwarten, besonders als junger Mensch, dass er ein Vorbild ist und sich intensiv mit dem Herumgegockel und –gesabbel diverser Staatsmenschen und den Scherereien, die daraus entstehen auseinandersetzt.

Aber trotz alledem, trotz alledem ist die Realität anders. Erlaubt es sich ein Mensch eine gesellschaftlich unkonforme Meinung zu haben und die persönliche Freiheit als höherwertig als die Kohle für schick Essen gehen, für Party machen oder für einen superdupergeilomatiko Plasmafernseher zu erachten, wird er gefährlich. So einer bricht schnell mal aus dem glücklichen Sklavenkreis aus, der Reiche noch reicher macht.

Himmel hilf! Denn, äh, und ich frage Sie meine Damen und Herren, was, äh, bitte, hat uns diese sogenannte Revolution damals denn schon gebracht, meine sehr verehrten Damen und Herren? Das von den stetig am Herzinfarkt vorbei schrammelnden Börsianern so ersehnte Steigen der Aktienkurse? Die Ausrottung der Dummheit? Weniger Menschen, die sich entschließen fremdes Geld beim Fenster rauszuwerfen und dann alsbald ins Ausland abzudampfen? Aber ganz bestimmt nicht.

Nicht mal die sexuelle Befreiung und Aufklärung habt ihr erreicht, 68er!

Stattdessen sabbert die Jugend von heute in Internetpornos hinein und lernt, dass Sex geruchsfrei und fehlerfrei funktioniert. Was die nach der „Guuuutenaaaaltenzeit“ in die Welt gepressten Menschen von den einst steinbeworfenen Straßen aufsammeln dürfen, sind altkluge JUler, die sich temporär mit musikalischen Fehltritten schmücken („JU-Lied“ von Dietrich Rudorff zu sehen auf Youtube), das Notstandgesetz, „Elite-Singles“, die im Internet herumgrinsen und die Chance für faschistoide, geisteskranke Politiker ein ganz, ganz großer, wichtiger Minister zu werden.

RAF, Rausch und Riesenschiss

Die Revolte von damals hat nicht mal dazu geführt, dass sich ein Großteil der Deutschen derzeit noch für Politik interessiert – außer sie profitieren von einer perversen politischen Idee, wie der Abwrackprämie. Die Revolte von damals hat nicht mal eine positive Erinnerung an die Revolte von damals hinterlassen – außer bei eingefleischten Alt-68ern. Diese Nörgel-68er sehen inzwischen so aus wie meine Eltern. Und meine Eltern waren zur Zeit von RAF, Revolution und Riesenschiss bei Springer schon vollgepumpt mit Angst und Verhaltensregeln, um gute, brave Bürger zu werden, mit Haus, Apfelbaum und einem Kind, dass sie versuchen zu einem funktionierenden Mitglied der kranken Gesellschaft zu formen.

Ehemalige Ho-Chi-Minh-Schreier und die schon immer braven, funktionierenden Bürger gleichen sich in noch einem Punkt: Sie ereifern sich über die Jugend.

Den einen ist die Jugend zu lahm, zu phlegmatisch und zu dumm und den anderen ist die Jugend zu wild, zu gewalttätig und zu dumm. Nein, nein, nein, das moderne Kollektiv „man“ kann sich an gar nichts mehr freuen und die verlotterte Jugend schon gar nicht, ja nicht mal über Schokoziggis freuen sich die Kleinen, weil sie ja viel lieber haschen oder Schlimmeres tun und alle sind dermaßen zynisch und Liebe gibt’s nur noch in den hirnverwaschenden Soaps und alle greinen herum und keiner macht was, klar. Aber vergessen Sie nicht liebe vergessene Kämpfer, die schon mal ein 200 Zeilen Gedicht mit Klampfen hinausgeträllert haben über die Wiesen und Flure, dass die Alten ganz genauso sind.

Und es sei all diesen Damen und Herren versichert, dass die Jugend ein Resultat aus dem Verhalten und der Erziehung ihrer Eltern und erwachsenen Vorbilder ist. Einfach gesagt: „Ihr habt uns das weltweite, interaktive, gehirnpenetrierende Pornonetz gegeben. Ihr müllt uns mit Monstertitten und -schwänzen, operierten Plastikmenschen und Werbung für Alk und Tabak zu. Ihr verkauft die Waffen. Ihr zeigt uns, wie man andere bescheißt. Also wundert euch nicht, wenn ich eine Oma ausraube, vergewaltige und anschließend mit ihrem Pfleger eine Flasche Wodka weggurgle und einen fetten Joint durchziehe.“

Alt seht ihr aus

Aber sie wundern und ereifern sich, die Alten. Trotz solcher Tatsachen, wie, dass der Jugendrat (!) der Stadt München Citycards drucken lässt mit dem Spruch: „Du wählst ja auch dein Bier, warum nicht auch deine Regierung?“ Ja, trotzdem wundern sie sich, wenn dann von den bösen, besoffenen Barbaren berichtet wird. Denn irgendwann mutierten ganz viele der Alt-68er wie gesagt zu Leuten, die mit dem Ellbogen auf den Fenstersimsen lehnen und obermopswichtig in die Welt hinausrüsseln, dass die Jugend eh nur aus verdorbenen Vandalen oder/und spießige BWL-Studenten besteht, bei denen sogar der bayerische Hopfen und die guten alten Drogen verloren sind. Und sie sagen so lustige Sachen wie, dass es kalt oder kälter in unserem Land wird, was derzeit ja Gott sei Dank noch stimmt, weil es Winter ist und ansonsten stimmt es überhaupt gar nicht, wegen der Erderwärmung. Es wird nicht kälter, sondern alles wird schneller und da kommen sie wohl nicht mehr mit, die Alten. Aber vielleicht sprechen die Damen und Herren ja vom Fahrtwind und der kann sehr kalt sein, wenn man den Kopf nicht entsprechend schützt. Aus, Basta.

Aber vielleicht, ja nur vielleicht, reagieren die gemeinen Alt-68er ja doch noch auf irgendwas. Vielleicht muss man ihnen auch bloß schmissige Slogans entgegenbrüllen, wie: „Unter Button-Down, keine Lust sich noch zu trau’n.“ Oder: „Nur noch längs statt quer: Die 68er gibt’s nicht mehr.“

Vielleicht hören sie dann tief in sich hinein. Vielleicht schrauben sich die Bilder von früher in ihre Schädeldecke. Und vielleicht raffen sie sich dann auf, wenigstens dem Nachwuchs etwas von dem Gefühl mitzugeben, das man bekommt, wenn man begründet und konstant „Nein“ zum Schwachsinn und synapsenzerbröselnden Wahnsinn dieser, von ein paar Obermöpsen globalisierten und diktierten, Welt sagt.

Wahrscheinlich passiert nichts von alledem. Ist auch okay. Aber dann bitte, liebe mutierte Alt-Che-Guevaras, dann bitte g’scheitmeiert nicht mehr herum, hockt euch ganz ruhig hin und seht alt aus.

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Mitglied Diskussion
Leser
Geschrieben am: 09.03.2010 16:44  Aktualisiert: 03.04.2010 09:48
 Re: Alt-68er: Wo blieb die Konterrevolution?
"Den einen ist die Jugend zu lahm, zu phlegmatisch und zu dumm und den anderen ist die Jugend zu wild, zu gewalttätig und zu dumm."

Mir ist sie zu neo-konservativ.



Rockbar bleiben!
Antwort
Leser
Geschrieben am: 03.03.2010 15:19  Aktualisiert: 04.03.2010 17:02
 Re: Alt-68er: Wo blieb die Konterrevolution?
Du bist soooooo gemein Limmerin
aber wahrhaftig!

LG, Berni
Antwort


   

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