Die Lügen der Anderen
Ein Kommentar von Andrea Limmer
Man hockt in einem sehr schönen, sanft dahin ratternden U-Bahn-Waggon in Wien und schaut sich so um, weil man ja schließlich überall in der Fremde voll auf seine audiovisuellen Kosten kommen muss, damit man hernach ganz viel Gescheites und Unglaubliches zum erzählen hat und die Zuhörer gar nicht mehr aus dem „Echt? Ui, wie geil.“ herauskommen. Also, man schaut sich so um und was erschielt man? Genau! Eine kleine Zeitung, die man kostenlos aus einem Zeitungsständer herauswurschteln kann.
Freilich rüsselt man die kleine Zeitung durch, auch wenn schon die depperten Schlagzeilen auf der Titelseite einem das selbe Suhl-Niveau entgegenkreischen und -granteln, wie ein bekanntes deutsches zeitungsartiges Dingenskirchen, das mehr Blut und Titten als dpa-Meldungen druckt, weshalb sich dieses furchtbare Volksopium laut einer zugewisperten Lauffeuernachricht nicht mehr Zeitung nennen darf und das ist schön.
Lügen haben kurze Beine
Auf diese hinreißende Supernachricht über die sehr behaarten Lügenbeine jedenfalls, wird man je nach Gefühlslage, Alter und IQ reagieren. Ja klar: und nach Geschlecht. Eine junge Frau, krankhaft neugierig, krankhaft süchtig nach Zahlen und Fakten und dem ganzen Zeugs, das irgendein angeblich ahnungsvoller Mensch hinauskrakeelt hat und mit dem krankhaften Zwang über jeden Fliegenpopel nachzudenken, ja die sagt: „Ha, ha!“ Und sie sagt: „Ha?!“, und sie denkt nach.
Über die Behauptung, das Männer viel öfter als Frauen Lügen daher schwallen findet man natürlich gebührlich und gar keine Frage etwas im Internet und zwar interessanterweise von einer Apothekenzeitschrift, was - Schau, schau ! – nicht eine gewisse Lustigkeit entbehrt, weil einem Lügenbold das Lügen aber doch ganz bestimmt nicht von einem monopolistisch vertriebenen, sauteuren Pharmakon hinausgeschossen werden kann. Die in Auftrag gegebene Umfrage daselbst ergab unter anderem, dass zwei von drei Frauen sehr unleidlich auf das Lügen reagieren. Nämlich mit dem Entzug des Vertrauens, sprich schlimmstenfalls mit dem Entzug von Sex. Indes reagieren etwas weniger als die Hälfte der befragten Männer eher mit einer seelenruhigen Wurstigkeit auf Lügen von Frauen.
Warum lügen Männer?
Aha. Aber WARUM lügen Männer? WARUM übertreiben sie? WARUM nehmen sie in Kauf, dass sich ihre Partnerin grantig aus dem Staub stöckelt? Vielleicht, weil bei den Männern eine Partnerschaft nicht mehr an erster Stelle steht, wenn die meisten Weibchen mitsamt ihrem Klingeling und Taschenschwing und Hastdunichtgesehn wie Abziehbildchen aus Magazinen herumrumpeln? Vielleicht. Vielleicht lügen die Frauen aber genauso oft und die Männer merken es nicht, weil sie ihre Ohrwascherln gleich mit irgendeinem Privatsendergeschwalle voll stopfen, sobald die Tussi was daherkräht.
Es geht eh bloß um die beste Freundin und um deren Stempenschläger, der viel besser ist, als man(n) selber und über den man(n) GANZ BESTIMMT NIX wissen will. Die Frauen gewöhnen sich an taube Männerohrwascherln und wissen, dass es Wurst ist, was sie sagen – außer beim Sex -, also können sie nicht lügen. Denn (aufgemerkt, ein Bild, ein altes): Wenn ein Baum im Wald umfällt und kein Mensch, kein Tier, kein Alien, kein Politiker ist da... undsoweiterundsofortblablabla
Heureka, damit wäre auch diese synapsenschrubbende Frage geklärt. Her mit Ei und Henne. Ja, was war zuerst da? Die Lüge oder die dahinvegetierende Beziehung mit der Stärke und dem Erotikfaktor von nasser, grauer Pappe?
Die "Wir"-Paarbildung
Es scheint, als ob es den meisten Menschen wichtiger werden würde, bei offener Klotür zu pinkeln und Häufchen zu machen, als sich für eine funktionierende, sexuell großartige Zweisamkeit zusammenzureißen und einfach mal die Klappe zu halten. Und das trotz ekligem Single-Packerl-Tüten-Fraß; trotz den Grillabenden mit postmortal verkokelten Tierteilen und mortalen Pärchen, deren Wortschatz zu heiß gewaschen wurde und bei 190 Grad Hitzewallungen auf „wir“, „mein Schatzi“ und „weißt du noch, als“ eingeschrumpelt ist; trotz steuerlicher Vorteile bei einer Heirat; trotz des Wissens, dass Einsamkeit im Alter die Pforte zur seelischen Hölle ist; trotz der in der Adventszeit herausgekramten Gefühlsduselei und Kuschelrock-CD aus den Teenagerzeiten… Diese Liste ist lang.
Die bussi-bussi Gesellschaft
Ja, und doch scheißen die Menschen augenscheinlich mehr und mehr auf eine glückliche, WIRKLICH glückliche Beziehung. Vielleicht, weil wir alle so bussi-bussi oberflächlich werden, und ein Lieblingsmensch nicht gleichauf mit der Lieblingssendung/dem Haustier/dem Auto/einem omnipräsenten Handynetz steht, und wir gar nicht mehr an die große Liebe glauben. Vielleicht ist dieser Trend aber nur wieder von regierenden Obermöpsen angeregt worden, die eine Spaltung des Kollektivs begrüßen. Vor allem, wenn es ein konspiratives Kollektiv ist, was eine glückliche Partnerschaft im Idealfall immer ist.
Macht Glück zum Deppen?
So füllen sie weiter für uns die Regale mit immer mehr Single-Portions-Dreck und schlechten Pornoheften, und so reden sie uns weiter ein, dass man um eine Beziehung nicht kämpfen muss, weil man sich sowieso zum Deppen macht, für etwas, dass nur Deppen wichtig wäre und so glauben wir, ein Lieblingsmensch stehe, genau wie die persönliche Freiheit, nicht vorn auf der Lebensliste eines menschlichen Individuums.
Denn wenn das der Fall ist, kann dieses Individuum gleich sein Handy fallen und sich eingraben lassen. Ein Lieblingsmensch bringt nämlich der Wirtschaft NULLINGER. Kapiert?
Weil aber dieser klischeeanprangernde Text nix am Lügendrang oder an der Mentalität der Einzelkämpfer ändert, lasst uns die Klotüren öffnen und dem wirtschaftfördernden Singledasein einen fröhlichen Furzsalut blasen.


