Spotlight : Arbeite jetzt - lebe später: eine kleine Nabelschau der Religion
Geschrieben von redaktion am 01.05.2010 06:59 (7027 x gelesen)

Der Floh am religiösen Ohr

Ein Kommentar von Andrea Limmer

Andrea LimmerMan könnte an so einer Stelle recht leicht über die Religion und ihre Institutionen (Achtung: der Glaube hat jetzt frei) salbadern, sich voreingenommen und freudig in jenes gut gelaunte Getümmel mischen, wo alle enthirnt in das gleiche polemische Schimpf-und-Schande-Horn stoßen, dessen Tröttiraden so breitgetreten sind, wie ein ausgelutschtes Kaugummi auf der Leopoldstraße, und sich dann mit einem Klugscheißerlächeln in den englischen Garten pflanzen, wo man den lieben Gott recht häufig „einen guten Mann“ sein lässt (zitierte Floskeln befreien von der Fünf-Euro-Strafe, lasst die Kasse bitte zu).

Um einiges lesenswerter als ein solcher Unsinnskanon ist aber zum Beispiel die Geschichte vom Floh der Reformation, Luthers Floh, weil er (laut „Luthers Flo“ von E. W. Heine), vollgesoffen mit Lutherblut, eine wirklich interessante Info für unsere Hirnkasterl parat hatte, nämlich, dass den Reformator offenbar nicht nur der Ablasshandel fuchsteufelswild gemacht hat, sondern auch der Ablass seiner Winde.

Luther habe sich selbst mit seiner Fress- und Trinksucht sozusagen zugeschraubt (Favorit: fetter Fisch) und unter chronischer Verstopfung gelitten, was den Satz: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“, so aufgeklärt beleuchtet, wie eine aristokratisch verzierte Laterne das Trottoir.

Genug vom amüsanten Geschichtsunterricht, die Gegenwart ist ja ernst, fast so ernst, wie die Zukunft, die es nicht gibt, außer in der Phantasie jener Arbeite-jetzt-lebe-später-Menschen. Bitte sehr, kommen wir zuhauf zur christlichen, deutschen Kirche 2.010. Pardon, die Gretchenfrage wollen wir für den Anfang nicht heranwursteln. Freilich wäre sie hier billig, aber mir nicht recht. Fragen wir uns erst, wie die Religion und ihre Verwalter es mit uns halten.

Wir sind uns einig, dass Beide dafür zusammengeschustert wurden (Henne und Ei, lediglich der Glaube kann sich auf dem ersten Platz behaupten), um die Menschen mit Vorgaben von Recht, Unrecht und fernen Belohnungen des Himmels im Zaum zu halten und eine Gemeinschaft zu bilden, die es ermöglicht, armen Individuen zu helfen, wenn nötig mit dem Schwert, der Zwangstaufe oder dem Scheiterhaufen? Fein.

Aber schaut dieses ehemals mächtige, stolze Konstrukt nicht inzwischen einer tatterigen Oma gleich, die uns, wann immer wir ansetzen ein kindisches: „Was ist passiert? Und warum?“ hinauszukrähen, alte Sahnebonbons hinein schiebt, welche uns Mund und Schließmuskel verkleben (Memento Luther!), und die herumrüsselt, sie habe ganz bestimmt nicht den Wohnungsschlüssel aus ihrem Badfenster im fünften Stock geworfen, bis ihr einfällt, dass sie, zugezwitschert mit Wein und Valium, doch irgendwann irgendetwas klirren gehört haben mag, sich aber nicht sicher sei, und es könne jemand anderes getan haben, der dann dem Schlüssel gleich hinterher gehüpft sei, weshalb man den wahren Übeltäter gerade nicht antreffen würde?

Schrei: Jessas, wer ist an dem Schlamassel Schuld?

Tja, es menschelt halt bei den Vertretern vom lieben Gott und seinen Konsorten. In der zu bildenden und hütenden Gemeinschaft ebenfalls. Und, wenn sich eine Religion also um eine Gemeinschaft annehmen soll/will/kann, und im Gegenzug die Religion aus einer Gemeinschaft besteht, sollte man einen Blick auf diese Gemeinschaft werfen, außer, man wird befreit von einem ärztlichen Attest, das einem die totale Idiotie bescheinigt. Wer sich ein solche Attest besorgen will, bitte hinter den kapitalistischen Knallköpfen anstellen.

In diese Reihe gehören auch solcherlei Städter (nun stehen wir in der Herde), die mit dem Begriff Gemeinschaft ebenso wenig anfangen können, wie mit dem Begriff Stadt oder Schwabing. Sonst würden sie sich freilich gleich überlegen, ob sie nicht lieber aufs Land ziehen mögen, wo man höchstens einen Bulldog oder einen Mähdrescher oder eine Bauersfrau herum rumpeln hört, aber ganz gewiss keine Disko oder Kneipenbesucher.

Solcherlei Städter werkeln mit einem unglaublich eifrigen Grant daran, dass die Geräuschkulisse der fröhlichen Schlendrians stumm verliert gegen ihren Anspruch auf ein geisterstadtruhiges Wohnen. Rollt die Heuballen und dann Pfui, Aus, Platz. Ja, wieso können sich diese hemmungslosen Heimatlosen nicht wie die anständigen Anwohner in irgendwelchen Hütten amüsieren? Wieso nicht allein auf der Couch die Stunden zwischen Arbeit und Arbeit und Sonntagsbraten versitzen?

Wieso Gemeinschaft? Wieso Gaudi? Hä?

Daneben stehen phlegmatisch solcherlei Eltern, die wie tot aussähen, wenn sie nicht ihr Küchlein kauen und sich ihr Sektchen hineinleuchten würden, und die anscheinend taub und blind sind, für Fußgänger (nein, nein, Zwillingswägen nehmen keinen Platz ein) und ihren Nachwuchs, und gerade mal ein mattes: „Geh Leonie, lass doch dem Mann sein Essen in Ruh“, hinauskeuchen, die aber gleich in höchstem Maße erregt durch die Gegend rauschen, sollte ein Fremder es wagen die Kinderhand aus dem fremden Teller zu entfernen, weil schließlich niemand das Recht hat, das eigene Kind derart anzufassen, nicht einmal die Eltern selbst. So eine Szene endet mit einem laut gephraselten: „Kinderfeindliches Deutschland!“ (Katsching, zehn Euro bitte, bei „Servicewüste Deutschland“ übrigens auch.)

Indes solcherlei Eltern die Weide abphrasen, starren missvergnügt solcherlei Tierbesitzer zu ihnen hinüber, die Tierliebe zur Religion gemacht haben, mit dem Gott Hund / Katze / Taschenhund / Kanarie / Karnickel / Sumpfi (hier irgendeine exotische Grässlichkeit einfügen), dem auf dem Altar Wohnung Zeit und Verstand geopfert wird.

Ihr Gott darf im Bett schlafen, am Tisch mitessen, die Gehwege und Parks voll scheißen, hingebungsvoll fremde Schöße beschnuppern, Kleidung zerfasern, den eigenen und fremde Körper anspringen und vollschmutzen, sich aufführen, wie ein Clown auf Speed, Schühchen und Mäntelchen tragen, im Auto vorne sitzen, weil ihm hinten schlecht wird, und, und, und, und dabei ist er so unvorstellbar süß. Ja, ja, ein ganz ein Feiner ist er, gell, und das böse Mädi ist selber Schuld, dass du zugeschnappt hast, hätt es dich halt nich antatschen ollen.

Am anderen Ende der Herde plärren dieweil solcherlei Fanatiker, die immer im Krieg gegen Nachbarn sind (Haus, Europa, Welt), etwas davon daher, dass die Deutschen an sich bald aussterben, oder zumindest aus ihrem eigenen Land vertrieben würden, was freilich schon deswegen ein fürchterlicher Humbug ist, weil es „die Deutschen an sich“ nicht mehr gibt, ja nie gegeben hat, wie jeder aufrechte Stammbaum gerne klarstellt, auch schön bebildert, für alle Hirnamöben, die einen solchen Verbaldreck glauben.

Nein, über die modernen Fabrikherren, die Palastbewohner, die auf einem Podest stehen und auf die Pöbelherde hinunterscheißen, granteln wir nichts daher, über die wird eh viel zu viel geredet, was weder durch ihre Person, noch durch ihre Taten gerechtfertigt wird, man redet ja auch nicht die ganze Zeit über die schwierige Befindlichkeit seines Darms (ausgenommen Luther, der sich laut Heine, in Briefen an seine Eltern, sehr präzise über seinen Darm ausgelassen hat).

Dermaßen verschwurbelt sieht also ein klitzekleiner Herdenteil aus. Wie kann man ein solche Verhalten zueinander nennen, außer verrückt, unlogisch und gestresst (Unwort #9)? Richtig! Unsozial! Wie leicht kann es denn bitte sein, eine unsoziale Herde zu hüten? Eine unsoziale Herde, aus der man selber stammt? Richtig: Sakrisch schwer! Und der Staat stellt sich als moderner Gemeinschaftshirte an, wie ein taubstummer blinder Frischoperierter im Rollstuhl.

Sinnlos ist es also laut und grantig über die Religion zu schimpfen, sie besteht eben aus den Menschen dieser Zeit. Das System in unserem Land übrigens auch. Und wer mit dem allem nicht zufrieden ist: Schaltet die Dinger hinter den gerunzelten Stirnen an, nehmt eure Schäufelchen und Seilchen, kommt aus dem Spielzeugmoor und werdet miteinander Menschen.

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Mitglied Diskussion
Leser
Geschrieben am: 02.05.2010 23:07  Aktualisiert: 16.09.2011 13:24
 Re: Arbeite jetzt - lebe später: eine kleine Nabelschau der
Ich habe nun schon ein paar Artikel dieser Autorin gelesen - und es jedes Mal bereut.
Ohne Zweifel wortgewaltig, wie sie ist, - es ist jedes Mal nicht nur <Zitat> "Verbaldreck" - es ist verbales Gekotze.
Und zwar ohne Ausnahme auf alles. Ganz egal, was es ist.
Eltern, Omas, Kinder, Religion, der Staat an sich, der deutsche Staat, die deutschen Bürger, die Männer, die Ökos, die Kapitalisten sowieso, die Städter, die Hundebesitzer - eigentlich alles eben.
Nicht nur dass die Artikel keinen Standpunkt beziehen - oder nur den: ich bin gegen alles und ihr seid alle Schweine, sie haben nicht mal eine Aussage.
Verbales Gekotze eben. Ohne jeden Tiefgang.

Gibt es denn im Leben dieser Autorin überhaupt nichts Schönes? Keine Liebe, keine Vergebung, kein Verständnis - und vor allem: keinen Humor????

Ich schick ihr mal ein bisschen Sonne aus Chile - da wohne ich nämlich. Vielleicht hilft es ja....
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