„Ihr langweiligen Arschgeigen!“, zwitschern die Schwalben
Ein Kommentar von Andrea Limmer
Vielleicht liegt es am Mai, der nicht wonnig, sondern widerwärtig war, dass Frau Kolumnistin frohgemut und fabulierend über was nachgedacht, dann aber bald grantig und grummelnd an ein paar Fragen herumgekaut hat, die so hart und zäh waren wie eine einen Tag alte Industrie-Brezn.
Zu den Viecherln: Die Viecherl verstehen viel mehr von der Gaudi und machen viel mehr aus Gaudi als die Menscherl.
Zu den Politikern: Wenn etwas dahinter steckt, dann die Hörigkeit gegenüber dem Gott, der nicht genannt werden darf (fängt mit „Kapi“ an und hört mit „tal“ auf), der äußerst grausam, weil emotionslos ist, der nichts vom Recht auf Faulheit und Freiheit hält und uns alle mit seinen tausend Schnäbeln aussaugen will.
Einige unter uns wissen das. Wenn man sich etwa derzeit Satire hineinschraubt in das meist so überlastete Hirnkasterl, dann merkt man, dass die Satire immer weniger Satire ist, dass sie sich immer mehr in Appelle verwandelt, in Aufrufe, in Anflehen (gesehen und gehört in „Neues aus der Anstalt“), gerichtet an das Volk, an uns, doch endlich die Gehirne einzuschalten und die Laternen... uswetcppa. In dieser Zeit hauen auch gewisse Unsäglichkeiten die Satire direkt zu Klump, weil bemüht und gewollt satirische Satiriker mit einem so miesen Schwurbelschmarrn antanzen (gesehen und gehört bei einer angeblich lustigen Lesung aus einem angeblich satirischen Buch über Westerwelle) und uns diesen, freilich gegen Bezahlung, um die Ohrwascherl hauen, dass man am liebsten entweder gleich sein Geld zurückverlangen oder einem pockennarbigen Salatölkopf im feinen Kapitalistenzwirn eine Rechnung schicken möchte, auf dass er für den sinnlos verbrachten und bezahlten Abend bleche, schließlich ist er Gegenstand der miesen Satirekarikatur und somit schuld an der miesen Satirekarikatur und an dem verschleuderten Geld gewesen.
Aber warum passiert nichts mit den Laternen, dem Volk und der wurstgesichtigen Herrscherbande? Warum lacht man während oder nach der guten Satire und nickt vielleicht noch einmal halbernst mit dem Kopferl, in das dann gleich ein weiteres Glas Opium hineingekippt wird? Es gibt anscheinend Wichtigeres.
Man kann sich zum Beispiel wie das SZ-Magazin recht breit über den christkindllockigen Entertainer Thomas Gottschalk auslassen, weil er 60. Geburtstag feiert, indem man überflüssige Sachen daher salbadert (welche Domain kann man mit seinem Namen noch kriegen, welchen Zusammenhang gibt es zwischen Bart und Quote, wie lange will er noch entertainern ...) und offensichtlich testosterongesteuert seine relativ frische Kollegin interviewt, und man wird trotz alledem den Anschein eines kritischen Magazins für eine wohlhabende, gescheite, anspruchsvolle Leserschaft behalten, denn der Magazin-Name steht für sich.
Aber fast niemand fragt sich, was dahinter steckt, wenn etwa Westerwelle daherhechelt, die Steuern für Kleinst- und Mittellöhne seien zu senken, und er so tut, als denke er dabei an den proletarischen Bodensatz dieser Gesellschaft. Löhne werden nach Stufen besteuert, was heißt, dass bei jemandem, der sagen wir, 50.056 Euro im Monat auf irgendwelche Konten scheffelt, nur 56 Euro mit dem Spitzensteuersatz besteuert werden, und er, zum Beispiel, bis 1.000 Euro gleich besteuert wird, wie die Kleinstlöhner. Ha, ha, wir lachen uns tot, ihr Herrscher!
Warum verwenden wir unser Hirnschmalz lieber für die Würstel im Sonderangebot (weil der g’schaftelhuberische Schwager und seine unerträgliche Ziefern von Frau am Wochenende zum Grillen auf den Minibalkon kommen), die folgendermaßen produziert werden, wofür sich aber auch keiner so richtig interessieren mag: Eine felllose Hormonkuh totschießen, kleinhäckseln und in ihren eigenen oder einen fremden Darm hineinstopfen. Wobei dieses widerliche und ungesunde Gewurstel aber auch wieder nicht so wichtig ist, weil Schwager und Ziefern eh unerträglich sind und an allem was auszusetzen haben, und deswegen brauchen die gar nicht so gut sein (die Würstel), aber so aussehen müssen sie schon ein bisserl.
Vollgestopft mit solcherlei Problemen ist freilich kein Platz mehr im Hirnkasterl, etwa für die Tatsache, dass der Kriegsdienst kleingehäckselt und einen engeren künstlichen Darm gestopft wurde und offensichtlich bald in den Abfallkübel kommt? Kann es nicht sein, dass die Verkürzung des Wehrdiensts ein Stechschritt der Bundeswehr in Richtung Söldnerheer ist, in das kein Zivilist Einblick hat und das vor sich hin wursteln kann, wie es den Herrschern beliebt?
Und wenn sich Deutschland im Krieg befindet, warum mutieren die Berichte darüber mehr und mehr zu Kriegspropaganda? Doch nicht etwa weil der Kapitalismus schon immer den Krieg brauchte, um sich röchelnd und eiternd und blutend gerade noch am Leben zu erhalten, um danach wieder zu dem überheblichen, fetten Mistvieh zu gesunden, dass uns alle aussaugt?
Sie da, mit dem „Paranoia“-Schild: aus, sitz, platz! Und die anderen fragen sich bitte, warum die gängige wie verarschende Antwort auf die bisher gestellten Fragen lautet: „Es gibt keine Alternative“ - ein beliebter Satz von M. (nicht nur Gott darf nicht genannt werden).
Es gibt keine Alternative? Ich hab da freilich schon mal was vorbereitet (köchel, köchel, grins, grins): Straßen nicht mehr erweitern (mehr Fahrbahnen = mehr Autos), die Börsen schließen (weniger Anlagemöglichkeiten = weniger fiktives Anlagekapital), die Straßenreinigung zum Beispiel wieder durch Giesing zuckeln lassen (mehr Sauberkeit = mehr Selbstwertgefühl), so schnell wie möglich die fossilen Brennstoffe verheizen (das muss ich aber nicht erklären, gell?), Schluss mit dem großkotzigen Global- und Europaschwurbel, Deutschland aufteilen (kleinere Staaten = kleinere Probleme = besser „regierbar“ - es ist wie mit den Schulklassen, versteh’n S’?), Lügendetektoren bei jeder politischen Blubberei anschalten (schließlich verhält es sich hier nicht wie mit einem Familienfest, bei dem man der likörbezwitscherten Tante schadlos vorflunkern kann, sie sehe gut aus und werde bestimmt noch 50 Jahre gesund und munter leben, wenn sie sich nur selbst dafür einsetze und genug Leistung bringe, sondern es geht um Menschen, deren Würde und deren Leben) ...
... Ja, ja, es stimmt schon, die Frau Kolumnistin driftet ins Kindsköpfige ab. Aber, das macht auch weiter nichts. Anstatt uns weiter über diverse Knallköpfe zu ärgern, können wir uns nämlich bald kindsköpfig in einen Biergarten setzen und uns darüber freuen, dass sich die Eisheiligen verzupft haben und dass die Schafskälte von den Hunden gebissen wird, umgeben von torkelnden Schmetterlingen, die jeden schrägen Biergartenheimgang überbieten, konfusen Hunden, die zehntausend Mal einem Ball nachrennen, und lustigen Schwalben, die Kamikaze spielen, uns langweiligen Arschgeigen dabei auf die Köpfe scheißen und sich nichts um den bescheuerten Kapitalismus und den selbstauferlegten Arbeitsstress der bescheuerten Menscherl scheren, frei nach dem altbayerischen Lied:
„Leid, Leid, Leidl miasst’s lustig, lustig sei, derft’s, derft’s, derft’s ned so traurig sei, traurig sei. Denn, denn, denn mid da Traurigkeit, Traurigkeit, kimmt, kimmt, do kimmt ma ned weid.“
Bis es soweit ist und damit es soweit kommt, sollte jeder dem pockennarbigen Salatölkopf eine Rechnung schicken über die Verluste (Zeit, Mut, Lieblingsmensch, Wohnsitz, Freiheit, Gaudi, Geld, Arbeitsplatz), die man wegen seinen dahergeplärrten und umgesetzten Bösartigkeiten erlitten hat. Damit macht man sich zwar die widerwärtige und erbärmliche Salatölkopfmethode der Lebensbewertung („Investition in die Beziehungsbilanz“, etc.) zu eigen, aber schließlich mancherlei Übel mit den eigenen Waffen am effektivsten (!) zu prügeln.
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