Spotlight : Die Mär von grenzenloser Demotivation zu Alkohol, Rauchen und Fastfood
Geschrieben von redaktion am 19.07.2010 14:53 (5898 x gelesen)

Vergiss mir die Guillotine nicht, Spatzl.

Ein Kommentar von Andrea Limmer

Andrea Limmer„Regierung moderner Chronos; verschlingt die eigenen Kinder.“ (Des Teufels Wörterbuch)

Es ist schon seltsam: Man leuchtet sich was hinein, um es nach einiger Zeit wieder hinauszupinkeln. Wenn man dies auf öffentlichen Toiletten tut, kann man dabei gezwungen coole Plakate lesen, die einem etwas entgegen plärren: „Er stellt sie später nackt ins Netz.“ „Er feiert, bis der Arzt kommt und landet auf der Intensivstation.“ Darunter salbadern diese Druckerzeugnisse ein Gescheitmeierblah wie: „Alkohol macht mehr kaputt als du denkst.“ Nein, geh wirklich?


Freilich nimmt aber kein Biesler - zumindest keiner den ich kenne - dieses Geunke ernst, ja es schraubt sich noch nicht mal in ein Hirnkasterl hinein. Man will sich schließlich nicht auch noch im Wirtshaus, an einem der letzten Zufluchtsorte vor der kapitalistischen Realität, vollsäufern lassen. Bei den Zigaretten verhält es sich genauso, wie mit diesen absurden Plakaten - mir zum Beispiel ist es Wurst, ob Rauchen Spermatozoen zu Klump haut. Was also versprechen sich die Plakatbesteller von solchen Klugscheißerparolen? Meinen die, dass der Berti und die Tina mit einemmal vom verrauchten Tresen aufrumpeln und ramentern, dass sie über die Wirkung von Alkohol und Tabak bisher ja nie so wirklich nachgedacht hätten und es ihnen jetzt aber reiche mit dem Gesaufe und Gequalme, weil es ihnen wie Schuppen von der Kopfhaut riesle, wie schlimm, wie unverzeihlich saublöd so ein Verhalten sei - besonders gegenüber Nichtrauchern und -trinkern, die an passiv errauchtem Krebs sterben oder die einen Betrunkenen und dessen Kakophonie oder Gehirnerweichung ertragen müssen.

Ich glaube nicht, dass die Besteller (wollen wir sie forthin „A“ nennen, „A“ wie die Alphamännchen und -weibchen, die sich ohne große Probleme ständig in den Mittelpunkt und auf den ersten Platz in einer Gruppe schreien - sogar im geräuschüberfüllten Englischen Garten -, weil sie’s halt einfach besser wissen) sich von ihrer Gesundheitskäswerbung, mit der sie die Umwelt zubomben, den reuigen Kreuzgang langjähriger Sünder versprechen. Es geht nicht um die Menschen und ihre Lungen oder ihre Köpfe, es geht um Angst, um Verbote, ums Besserwissen, ums Drüberstellen.

Denn nie sieht man Plakate von „A“, die uns zum Beispiel warnen: „Arbeit macht mehr kaputt, als du denkst. Und zwar deine Freiheit, deinen Schädel und deine Gesundheit.“ Oder: „Reformhuberei kürzt Löhne!“ Oder: „Der Arbeiter ist eine Ware, die unfair gehandelt wird.“

Solche einleuchtenden Wahrheiten werden von Zivilisten (allen, die zwischen „A“ und deren Gegnern herumhampern und versuchen, ein erträgliches, wenn nicht gar zufriedenstellendes Leben zu führen) und „A“ ironisch lächelnd in die linke Ecke geschoben, in der langzottige gewissenlose Elemente aus der Unterschicht faul aufeinander hocken und terroristische Gedanken und Drogen austauschen. Und schon unser Schröder Gerhard hat getrötet, dass niemand „ein Recht auf Faulheit“ habe - was flüstern wir, sollen in dem Fall die in Regierungspaläste gepflanzten Anzüge machen? Wobei ihm da der Herr Geißler dereinst mit dem Zitat „Jeder hat das Recht auf Faulheit“ widersprochen und sogar noch unseren Herrn Außenminister mit einem Esel verglichen hat.

Jessas, Herr Außenminister! Sie sollten jemandem, der so etwas in der Öffentlichkeit herumrüsselt und dermaßen linienuntreu ist, die Sozial..., nein, den Mindestlohn..., nein, Sie sollten ihn sofort ins Land der Pfefferschoten schicken (da fällt mir ein: wie war das mit den Ratten und dem sinkenden Schiff? Ich frage mich, wer unser Kapitän sein wird, der salutierend untergeht), aber OHNE Abfindung und die vielgelobten Chancen in der Wirtschaft und ein bisserl zack-zack, weil wir Leute brauchen, die etwas tun, die etwas leisten für unsere Chancen in einer wahnsinnig wunderbaren Zukunft, die es nicht gibt.

Das ist jetzt keine Entgleisung ins unendliche Gegrantel ohne roten Faden, keine Angst, denn mit diesem Zukunftsgeschwurbel wollen „A“ uns Angst machen. Weil wir unsere Gesundheit und so weiter erhalten sollen, weil wir was leisten sollen (Forderung/Zwang) für eine chancenreiche Zukunft (Versprechen/Mär), in der es uns gut geht, in der wir haben, was wir brauchen und wollen - da fragen wir einmal unsere Eltern, ob es Ihnen derzeit gut geht, in dem Sinne, in dem das die Systemelite vorgibt.

Ja, ja freilich, ein gewisses Interesse an unserer Gesundheit haben „A“, weil der Arbeiter ja zumindest so lange funktionieren und seine Ware, die Arbeitskraft, die „beste Leistung“ erbringen soll, bis der Arbeiter genug von dem Gift, das die Ratten ihm verkauft haben, geschluckt hat und es ihn vom Stangerl herunter dreht.

Aber die Gesundheit der Unterschicht (alles ohne Kapitalistenzwirn und vollgestopft mit Kohlehydraten und „A“-Lügen) ist „A“ offensichtlich Wurst. Sonst würden sie neben die Alk-Plakate welche hinhampern, auf denen steht: „Fast Food macht deine Leber mehr kaputt, als du denkst“, oder: „Stark im Leben ohne Geschmacksverstärker, Hormonfleisch und Glutamate.“ Und sie würden abbilden, wie beim Verzehr von dieser hingerotzten Essensparodie Leberschäden und Sucht entstehen und nebenbei Unmengen von Bäumen abgeschlachtet werden.

Jedoch beschränken sich „A“ auf Rauchen und Trinken, denn alles Sinnliche, was außerdem die Arbeitskraft mindern könnte, sollst du verdammen und zerstören, sprach ER, den wir nicht nennen dürfen, gehst nicht weg da, Pfui, Ketzer, Fetzer, Volksverhetzer. Und so geschah es, und man sah den gedemütigten Zechpöbel in so manchem Städtchen auf den Türschwellen der Kneipen balancieren, die Hand mit dem Bierglas drinnen, die Hand mit der Zigarette draußen.

Denn wenn er sich schon amüsiert, der dreckige Proletarier, der seine Bezeichnung als Schimpfwort verkennt und benutzt, dann soll er sich schuldbewusst amüsieren und Sachen dahersalbadern wie: „Nein danke, für mich keins mehr. Ich muss morgen früh raus, die Tabellen machen für Schmidt, diesen faulen Arschkretin. Ich hab zurzeit einen Stress, sag ich dir... Aber wenn das mal leichter wird, dann lassen wir’s mal wieder krachen, oder?“ Kein noch so verängstigter Vollpfosten würde sagen: „Nein danke, Alkohol macht nämlich mehr kaputt als du denkst.“

Haben Lügen wirklich kurze Beine

Doch keine Demütigung, kein noch so höhnisches Lügengepoltere schafft es, dass der Zechpöbel aus der Unterschicht das Zechen und Dampfen lässt; allerdings schafft es auch nichts und niemand (bisher), dass der Zechpöbel sich eine Ruh verschafft, etwa mit ein paar gezielten Maßkrugbewegungen in Richtung Quarkköpfe. Denn jedem ist freilich klar, dass die Maschine weiterlaufen muss, IHN und „A“ füttern muss, am besten immer billiger und schneller und produktiver. Ächz!

„Es sollte mehr guillotiniert werden“ prägte einen neulich erlebten Trip mit vier als systempolitisch kritisch zu betrachtenden Schreiberlings- und Künstlerköpfen entlang des Brauereiwanderwegs in der Fränkischen (wobei der Trip wiederum diese Kolumne geprägt hat).

Gewalt ist aber keine Lösung? Sagt das einmal dem System, das uns die fünf Arten der Gewalt antut, jeden Tag, etwa mit dem oben genannten Plakatscheißdreck. Oder mit Aussagen, die bedeuten, dass „A“ freilich die Beweise für die Richtigkeit ihrer Theorie, haben (etwa wie man die Wirtschaft wieder ankurbelt), dass sie freilich diese Beweise uns Volldeppen nicht zeigen können, weil es eh für die Katz wär, weil wir sie gar nicht verstehen würden, mit unseren Dampfhirnen. Es verhält sich wie bei der Kirche mit Gott.

Wenn Andere denken, dass Du denkst

Das wirklich Fiese an diesem ganzen Schwurbel ist, dass am Schluss der Zivilist, der „A“ alles glaubt, wieder der Depp ist. Keiner hat ihn gezwungen, zu glauben. Und dann wird ihm eingeredet, dass er auch noch an allem Schuld sei: an der Krise, an den völlig sinnlosen Sozialleistungen, die steigen, an den Mehrausgaben der Krankenkassen etc. ... Statt dass einmal jemand darauf aufmerksam macht, wie absurd sich „Außenminister Guido Westerwelle“ anhört, wenn dies denn schon mal in einer Zeitung steht.

Es ist wie auf dem Bahnsteig, der beschallt wird mit einer Verspätungsinformation und der Bitte, „dies zu entschuldigen“, aber Schuld am Warten ist der Depp, der stehen bleibt und wirklich meint, dass der Zug in fünf Minuten kommt. Er könnte ja gehen oder noch eine rauchen - ABER NUR IN DEN GELBEN ZONEN!

Ja, man kann auf so einer Bierwanderung eine gewisse Menschenverachtung und Guillotineliebe entwickeln, zum Beispiel wenn erwachsene Frauen es nicht schaffen, die Spülung zu drücken und man dann auch noch mit diesen Plakaten belästigt wird.

Aber man kann auf so einer Wanderung, in kleinen Wirtshäusern, mit selbstgebrautem, unerhört gutem Bier, ein paar Sprüchen von Herbert Wehner und ohne Werbedreck und Klimbim auch lernen, dass der Kapitalismus nur ein alter Fischkopf ist, den nicht mal der Händler selbst mehr anlangen mag, und den man sich nie schön saufen könnte, und dass es eh viel besser ist, sich den ganzen Schmarrn am Arsch vorbeigehen zu lassen, und sich dann in der Sonne sitzend schöne Plakate ausdenken wie: „Politiker machen deine Nerven mehr kaputt, als du denkst“, oder: „Parteiische Pfannkuchenvisagen können nervtödlich sein.“

Freilich würden solcherei unerhörte Schmierereien nur in den Löchern der faulen Unterschichtelemente hängen. Aber da hat man wenigstens seine Ruhe - bis die Fabriksirene wieder ihre Knechte ruft, oder bis die Guillotine herausgehampert wird.

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Mitglied Diskussion
Leser
Geschrieben am: 28.07.2010 12:04  Aktualisiert: 02.08.2010 11:04
 Re: Die Mär von grenzenloser Demotivation zu Alkohol, Rauche
Wer auch immer der Autor dieses vor tiefsinniger Flach- Philosophie und überbordender Schnapsflaschen-Intelligenz Alko-Lobliedes ist, er/sie sollte doch einen Glossar daran hängen. In dem kann sich dann einem halbwegs gebildeten Menschen die Bedeutung von Worten wie "aufrumpeln" und "ramentern" oder "herausgehampert " erschließen.
So mancher "Aufreger" in diesem Essay zeigt ja Ansätze einer zukünftig kritisch moralisch handelnden Persönlichkeit. Ob es sich bei ihm/ihr dann auch so entwickelt, das wird sich zeigen.
Spätestens dann, wenn die eigenen Kinder, die ich ihnen in Hülle und Fülle wünsche, im selben Alter sind und ihnen als Eltern dann so manchen Anlass zum ernsthaften Nachdenken geben werden. Also, warten wir es ab.
Schlimmer wäre die enttäuschende Vorstellung, dass sie sich keinerlei Gedanken über die tätsächliche Wirkung dieser geilen Mittelchen machen und das coole Partygefühl am Ende täglich haben. Auf der Straße, an der Ecke am Getränkehandel oder im Stadtpark auf der letzten Parkbank.
In diesem Sinne- eine gesunde Zukunft und ein langes Leben!

PS: Es ist nicht so, dass ich nicht auch mal ein Gläschen trinke. Nein, gern darf es mal ein guter Wein oder ein erfrischendes Bier sein. Auch hatte ich dem Tabak viel Zeit und Geld gewidmet. Mit Letzteren war mein Herz und mein Portemonnaie auf Dauer eher unzufrieden und beide haben sie echte negative Reaktionen darüber erhoben. Die Zukunft wird es zeigen!
Antwort
Leser
Geschrieben am: 20.07.2010 13:18  Aktualisiert: 02.08.2010 11:03
 Re: Die Mär von grenzenloser Demotivation zu Alkohol, Rauche
Andrea Limmer drückt aus, was viele nicht einmal zu denken wagen.
Antwort


   

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