Spotlight : Brot und Spiele im 21. Jahrhundert
Geschrieben von redaktion am 02.08.2010 11:17 (8350 x gelesen)

Brez’n und Spiele

Ein Kommentar von Andrea Limmer

Andrea LimmerDie These von der Brez’n ist wirklich gut. Kein Wunder, sie ist einfach und wurde ausgesprochen lebhaft ausgesprochen von einem der letzten Weisen der 80er, in einem Tempel der Freiheit, dem Biergarten.

Wenn ein Mensch eine Brez’n hat, und sein Nachbar hat keine, dann teilt der Brez’nsepp - freilich nur, wenn sein Nachbar kein raffgieriger Radieschenkopf ist. Denn falls ein solches saures Radieschen fünf große Brez’n hat, dann klamüsert es höchstens aus, wie man dem Brez’nsepp, der auf einmal leider zwei Brez’n im Minus ist, auf die zwei Minusbrez’n einen sauberen Brez’nzins draufschlagen kann.

Klauenreibend freut sich nun der Radieschenkopf (wir kennen ihn, er sieht aus wie Ackermann, Westerwelle, Dingsbums-Schnarrenberger, der gestylte Turnschuhbroker, der jeden Tag im feinen Anzug mit seiner vierrädrigen Waffe über die Leopoldstraße röhrt, der rattengesichtige Chef, der seine Angestellten um ihren Lohn und ihre Pause bescheißt ...). Seine Speisekammer ist voller Brez’n, wovon die meisten steinhart werden oder schimmeln, weil er nicht weiß, wie er sie richtig lagern soll.

Unser Brez’nsepp indes wird ab sofort immer im Minus sein, da er jede Brez’n, die er verdient, sofort an den Kapitalisten abtreten und überdies auch noch Essen, Trinken, Miete oder Hypothek, Steuern, Strom, Wasser, Holz, Benzin, öffentliche Verkehrsmittel, Kleidung, Schulgeld, politische Festivitäten und Dienstreisen etc. bezahlen muss. Von den luxuriösen Dingen des Lebens, wie Amüsement oder gar Urlaub, wollen wir nicht sprechen, weil wenn sich der verschuldete Brez’nseppe so etwas einbildet, ist er selbst Schuld.

Wenn nun der Brez’nsepp hergeht und maßlos frech sagt, er hätte auch gerne eine volle Speisekammer, weil er und seine Familie halt auch einen Hunger hätten, und warum eigentlich alles so ungleich aufgeteilt sei, dann posaunt ihm irgendein Radieschen gleich etwas von Sozialneid, Leistungsdefizit und ungebildetem Schmarrn daher.

Brot und Spiele der Neuzeit

Der Brez’nsepp soll aber nicht unzufrieden sein und ganz schnell wieder vergessen, warum er grantig ist. Also haben die herrschenden Köpfe etwas für ihn erfunden: das Spiel. Welcher Art, das ist egal, Hauptsache groß und viele und viel Alkohol und bunt und hysterisch und Nationalstolz und Fahnen und Gebrüll.

Weil wir uns wirklich nicht groß herumschlagen mögen mit zynischen Monstrositäten wie dem verpatzten Spiel der hyperventilierten Love-Parade und den diversen menschenverachtenden Kommentaren (nicht alle waren so klar formuliert wie der von Frau Herman) und Folgen (polizeilich bewachter trauernder Pöbel, der zornig sein könnte, weil wie schon so oft keiner am Tod von Zivilisten chuld sein mag), denken wir ein bisserl weiter zurück und was fällt uns ein? Die WM? Nun gut.

Sie ist eben ein schönes Beispiel, gell. Leise Stimmen von Kritikern, ob denn Südafrika so eine WM brauche und nicht vielleicht lieber ein paar gute Brez’n, ja diese Stimmen wurden sorgfältig ignoriert, von Vuvuzelas niedergetrötet und tauchten höchstens mal in einer Zeitung wie der SZ auf. Diese Leute sind freilich Spielverderber, die so wenig lustig sein mögen wie ein Pfund Salz.

Und so schwenkt das Volk in den Arenen wie eh und je begeistert Fähnchen, brüllt, kauft und isst Brez’n, ohne darauf zu achten, was im Hintergrund abläuft. Denn in Zeiten der großen Spiele werden immer fürchterliche politische Schwurbeleien durchgewurstelt, wie Steuersenkungen für Spitzenverdiener und gesundheitsfaschistische Volksbegehren wie das absolute Endlösungs-Rauchverbot.

Na, erkennen wir ein Muster? Wir stieren auf die Gladiatoren, die sich so wenig um uns scheren wie ein Bankcomputer, und auf die fesche, halbnackte Brez’nverkäuferin mit den falschen Monstertitten und werden dabei und damit ruhig gestellt, lassen uns ruhig stellen, werden dabei und damit beschissen, lassen uns bescheißen. Ganz einfach und ganz hässlich.

Aber egal, solange wir noch das Bierfässchen im Sonderangebot und ein WM-Fan-Käseset aus den Regalen herausklauben können.

Gott, das goldene Schwein, das wir jeden Tag mit unseren Brez’n füttern, ist nicht tot, wie dereinst Chefgrantler Nietzsche schrieb.

Allerdings hat er mit anderen Sachen Recht:

„Irgendwo gibt es noch Völker und Herden, doch nicht bei uns, meine Brüder: da gibt es Staaten. Staat? Was ist das? Wohlan! Jetzt tut mir die Ohren auf, denn jetzt sage ich euch mein Wort vom Tode der Völker.

Staat heißt das kälteste aller kalten Ungeheuer. Kalt lügt es auch; und diese Lüge kriecht aus seinem Munde: Ich, der Staat, bin das Volk.
Lüge ist’s! Schaffende waren es, die schufen die Völker und hängten einen Glauben und eine Liebe über sie hin: also dienten sie dem Leben.
Vernichter sind es, die stellen Fallen auf für viele und heißen sie Staat: sie hängen ein Schwert und hundert Begierden über sie hin.

Wo es noch Volk gibt, da versteht es den Staat nicht und haßt ihn als bösen Blick und Sünde Sitten und Rechten. Dieses Zeichen gebe ich euch: jedes Volk spricht seine Zunge des Guten und Bösen: die versteht der Nachbar nicht. Seine Sprache erfand es sich in Sitten und Rechten. Aber der Staat lügt in allen Zungen des Guten und Bösen; und was er auch redet, er lügt - und was er auch hat, gestohlen hat er’s.[...]“


Kennen wir? Wenn nicht, dann hopp auf und sich „Also sprach Zarathustra“ ins Hirn schrauben. Und wenn wir eine Brez’n wollen, dann halten wir’s doch wie Balu der Bär, der schon erkannt hat, dass Eigentum Diebstahl ist: „Und wenn du stets gemütlich bist und etwas appetitlich ist, dann nimm es dir egal von welchem Fleck.“

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