Haben Sie schon gehört, dass Paris Hilton...
Ein Kommentar von Andrea Limmer
Grüß Gott, und guten Morgen.
Ja, ich bin gerade aufgestanden.
Was?
Freilich ist es schon Viertel nach Sechs - Verzeihung, 6.17 Uhr, genau -, aber wissen Sie an einem Sonntag, da lass ich es gern einmal krachen, und bleib einfach eine Stunde länger liegen. Sogar als junger, flexibler, mobiler, motivierter Mensch. Für den Fall, dass etwas Wichtiges passiert, liegt ja das Handy gleich neben meinem Kopf.
Also, wenn zum Beispiel diese M. Hunziker wieder solo oder doch nicht mehr solo oder beides, und außerdem neu operiert oder nicht operiert ist etc. bla, dann kann mich, sagen wir mal, der TZ-Briefkasten um die Ecke anrufen, und mir ins Ohr jodeln, dass ich mir schnell eine TZ kaufen soll, weil Wies’ngutscheine verlost werden und außerdem die Hunziker …
Nein, nein, Sie stören gar nicht. Ich bin nur noch ein bisschen müde - und grantig, ja, weil ich, wie wahrscheinlich jeder moderne Mensch, nach dem Aufstehen erst einmal meinen Computer einschalte. Und dann kräht mir sofort Web.de irgendwelches Geraffel entgegen. Sie wissen schon, jenes Geraffel, das mit plumpen Masken als Nachrichten verkleidet werden sollte. Wie: „Paris Hilton wieder vor Gericht“, „Welcher Star hat sein Höschen vergessen, welcher feierte sein Comeback - raten Sie in unserem Promiquiz!“ Oder: „Hunziker hat neue … (Liebe?)“
Also, der moderne Mensch an sich ist schon ein erstaunliches und drolliges Konstrukt. (Achtung: Mensch, nicht diese als Menschen verkleideten materialistischen Megaphone.) Wenn er in einer Situation vor sich hin menschelt, zum Beispiel in der Sonnenscheinwärme, dann kann er sich die umgekehrte Situation, also die Nachtschattenkälte, nur schwer vorstellen. So ist das auch mit Beziehungen, weswegen Scheidungen wenig Absatz für Lachsackverkäufer versprechen.
Ich habe da übrigens mal was (Bericht o. ä. kann man so ein Zeug ja nicht nennen) über einen Kerl gesehen, der auf Beerdigungen Lachsäcke verkauft hat. Wie, das hat nichts mit unserem Thema zu tun? Hören Sie denn nicht zu? Ach stimmt, Sie sind ja Journalist. Also gut, wir waren bei der menschlichen Vorstellung, die quäkend erzwingen will, das etwas weiter besteht, auch wenn die Welt sich dreht, und zahllose Warnungen in verstopfte Ohren gelangen wollen. Schönes Beispiel: Erdöl. Das wird nämlich im Gegensatz zum Ohrenschmalz weniger, weniger, weniger, und bald verbraucht sein. Glaubt aber fast keiner so richtig. Weil: Wie soll’s denn danach weiter gehen?! Ohne Benzin und so? Die Synapsen streiken, kann man sich nicht vorstellen, fahren wir lieber Plastikklimbim einkaufen.
Mit politischen Systemen verhält es sich wie mit dem Erdöl. Weswegen Wahlen ein hoffnungsloser Humbug sind. Und wenn man es derzeit in Deutschland wagt, ernsthaft unser System anzuzweifeln, wird man nicht nur zu hören bekommen, dass das doch ein kindischer Schmarrn sei, und was man überhaupt wolle, so sei es halt, sondern auch, dass man wohl so jemand sei, der am liebsten die Anarchie einführen und die Polizei abschaffen würde. Letzterer Gedanke stimmt, ersterer so gescheit wie Regenwurmkot.
Nach etwa 15 solchen Begegnung hält man aber den ketzerischen Mund, und rafft sich nicht einmal mehr auf, um zu erklären, dass man eine Anarchie nicht einführen kann, weil die Anarchie kein Zäpfchen, sondern das Gegenteil eines jeglichen Systems ist, und somit etwas Natürliches, etwas das wächst, aus den gescheiten Köpfen und Seelen von zivilisierten, selbstständigen Menschen, die keine Menschen mit Waffen brauchen, egal ob grün/gelb- oder barrasfarben, weil diese Menschen auf Harmonie und ein friedliches Zusammenleben aus sind.
Diese Geisteshaltung („Es war jetzt halt schon immer so, also wird’s auch so bleiben, weil es keine Alternativen gibt.“) entdeckt man auch in den Kegelköpfen und weit aufgerissenen Mäulern der Megaphone. Ob Absicht oder genetischer Defekt im Hirnkasterl oder dort, wo bei anderen Menschen die Moral und das Gewissen hausen, ist ungewiss, aber letztendlich auch egal. Denn wenn jemand mit dem Gesicht zur Wand sagen würde: „Ich höre Maschinengewehre, aber ich sehe sie nicht, also herrscht auch kein Krieg“, dann würde man ihn im mildesten Fall für ignorant und im Idealfall für geisteskrank erklären.
In der bezaubernden Plastikwelt der fleißigen Götzendiener und Leistungsträger, die allesamt Kohlehydrate derart schmähen und verabscheuen, dass das primitive Lumpenproletariat bei deren Verzehr in den Pranger geschraubt, und Weizen und Hafer ganz schnell verheizt werden, bevor ihn ein dubioser Bäcker in seine mehligen Finger kriegt, und Nahrung daraus machen könnte, ja in dieser Welt hockt man die oben genannten Megaphone vor eine Kamera (ah, jetzt, ja: die Medien), wo sie dann mit gewichtigen Mienen erklären, es sei alles ganz fürchterlich, aber sie hätten schon alles im Griff, freilich nur, wenn sie genug Geld, für ihre Rettergedanken bekämen.
Aber vielleicht tue ich ihnen auch unrecht, und sie haben ihre Gehirne lediglich auf Geldantrieb umgestellt. Genau, es wird am Grant liegen, weil schon wieder so eine Sache da steht, die meine Nerven in Seidenfäden zerfasert: „Fettpölsterchen weg in zehn Minuten“ - ui! Ganz klein darunter: irgendwas von irgendeiner Ölkatastrophe irgendwo auf der Welt, und dass der Arbeitgeberverband über den Mindestlohn gutachten soll - mir doch Wurst, wenn ich endlich den süßen Kollegen/Barkeeper aufreißen/meine neidische Kollegin/Freundin ärgern kann, weil ich aussehe wie Paris Hilton - die steht übrigens wieder vor Gericht...
Eigentlich könnte mir diese Kakophonie, die aus immer mehr Medien herauswabert, am untrainierten Allerwertesten vorbeigehen. Allerdings darf ich mir als Schreiberling in regelmäßigen Abständen anhören, dass der Journalismus verkommt, und Redakteure nicht viel tätiger sind als Lampenschirme. Außerdem habe ich gelernt, dass ein Journalist hören, sehen und nachdenken soll, um hernach den Nicht-Journalisten alles zu berichten und zu erklären. Nicht während meines Volontariats wohlgemerkt. Denn die meisten knipsenden, blockschwingenden, mikrophonbiegenden, kameraschleppenden Funk-, Print-, und Telefussies, die sich allzeit bereit an der Herzinfarktgrenze entlangwursteln, gehen mit der Zeit, haben keine Zeit und krakeelen (deshalb?) freudig die aufgeschnappten Fachbegriffe und politischen Euphemismen hinaus in die Welt und die überforderten Köpfe, und hängen dann über ihren Tastaturen wie Lampenschirme ohne Birne.
Es hat ja niemand mehr Z. Und das ist wahrsch. d. Grund, warum viele Menschen ü. d. Gehsteige rumpeln u. währendd. i-einen Pamp aus Zucker, Fett, Mehl, Wasser u. Geheimsauce (=Mayo) aus Tüten i. i. Münder stopfen. I. Vorbeirumpeln werfen sie einen Blick a. div. Kästen m. Printmedien o. ä., d. wertv. Meld. hinausgrölen wie: „XY verlost Gutscheine für die Wies‘n!“
Die Medien mutieren also alle zu einem absurden Kasperletheater, in dem der Kasperl den Kindern erzählt, was das Krokodil ihm zuraunzt. (Das ist nun die Antwort auf ihre sehr allgemein gehaltene Frage. So allgemein, dass ich wirklich ausholen musste.)
Diese Mutation wird aber nicht der seit langem prophezeite Tod der Zeitungen, etc. sein. Sie ist nicht von Dauer. Denn, wenn keine Hanswursten mehr lesen mögen, sondern nur noch die Menschen, die mehr als Luft im Schädel spazieren tragen, reduziert sich einfach das Angebot. Soll heißen, die Nachrichtenparodien verschwinden, der moderne Mensch ist - wie seine Urahnen - ein Kind, und das Krokodil bekommt vom Kasperl wieder ein paar auf die Nuss.
Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte, ich muss mal kurz googlen, wo ich eigentlich meinen Kaffeekocher immer hinstelle und welche Nummer
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