RIP-Rappel: Warum in die Ferne trauern, wenn das Übel liegt so nah?
Ein Kommentar von Andrea Limmer
Manche Sachen, so sehr ich mich auch mühen mag, gelingen mir nicht. Trauern um eine öffentliche, mir aber unbekannte Person, zum Beispiel. Besonders das öffentliche Trauern ist mir so fremd wie das Interesse an der Paarungsgewohntheit vom sagenumwobenen Monster von Loch Ness oder die Art der Beziehung zwischen Messner und dem Yeti. Und so kann ich bei Beileidsbekundungen, so naiv und ehrlich sie auch gemeint sein mögen, vielleicht, nicht mehr als leisen Ekel aufbringen.
Ich verstehe nicht, warum man nach dem Tod von Amy Winehouse all ihre Videos posten muss. Oder Videos von Loriot, also nach dessen Tod. Ich verstehe, wenn sich diverse „Zeitungen“ in einem pseudointimen Trauerton über den Tod von bekannten Menschen auslassen. Sie müssen ihren Scheiß verkaufen.
Allerdings verstehe ich hier nicht, welch dröge Wortspielerei zwanghaft betrieben wird, wie von einem Münchner Boulevardblättchen, dass titeln musste: „Loriot tot.“ Aber zurück zu den öffentlichen Trauerbekenntnissen. Niemand schreibt auf seine „Pinwand“, dass er es „super schade“ finde und „echt sautraurig“ sei, weil die alte Else Meierschmidt aus Sendling im Alter von 87 Jahren nach einem normalen Leben friedlich entschlafen sei. Nein, die wird höchstens interessant, wenn sie uns was vererbt. Und während die Omma also im Heim dem Tode entgegensauert, wanzen wir uns an die bekannten Todesfälle ran, damit wir uns ein wenig in dem Grabglitter suhlen können. Wer will solche Fans nicht?! Überhaupt neigt der derzeitige Mensch dazu, sich viel intensiver mit fernen Geschehnissen und Menschen auseinanderzusetzen als mit der nahen Familie oder gar dem Partner, der auf der Matratze nebenan Sodukos verschlingt.
Wir begegnen fremden Menschen mit viel Empathie, Hass oder Liebe, wir sind schadenfroh, wenn bei Stars etwas halb Schlimmes passiert (besoffener Auftritt, Steuerfahndung, Scheidung weil Seitensprung) oder freuen uns mit ihnen (verliehene Preise, chice Kostüme, neuer Traumpartner). Das ist nämlich einfacher, so emotional, meine ich. Weil wir diese „Promis“ wahrscheinlich nie kennen lernen und unsere Meinung über sie, ob positiv oder negativ, nicht korrigiert wird. Bei Familie, Freunde, Partner kann dieser Schock leicht eintreten.
Dass zu gleicher Zeit vor unseren Haustüren unglaublich viele Familien seit Jahren in Armut leben, weil unser Staat lieber die Steuern für die Reichen senkt und dem Putzlumpenproletariat die Sozialleistungen kürzt und sie mit Medienpropaganda als fett, faul und verkommen an den Pranger stellt und terrorisiert, blenden wir geflissentlich aus. Inzwischen lässt die Kriecherei in diverse armaniverpackte Hintern und die schamlose Vetternwirtschaft der F.D.P.-und-Co.-AG sogar gegenüber der ominösen Variabel Reich2 so viel Anstand und Humanität vermissen, dass Reich2 höhere Steuern für seinesgleichen fordert – na gut, sie wissen zum Teil auch nicht mehr, was sie mit dem vielen Kies machen sollen. Aber die Armut, den Terror, die Angst, die arme Leute und ihre Kinder in unseren Städten aushalten müssen, sehen wir nicht. Wir wollen das Elend so genau auch gar nicht sehen. Das wäre unkommod.
Gut, dass sie allesamt in Ghettos wohnen. Und wenn wir wie bei diesem Weiwei feststellen müssen, weil es endlich wirklich alle Medien verzapfen – außer Wikipedia vielleicht, wo man immer noch von einem Menschenrechtler namens Ai Weiwei liest -, dass wir uns in der Unterschicht und in unserem Regime bitter getäuscht haben, dass „Gut“ und „Böse“ plötzlich die Seiten getauscht haben, dann können wir immer noch, wie beim Weiwei, dem alten Steuerbazi, leise vor uns hin grummeln, dass wir uns „so was eh schon gedacht“ haben.
Der amerikanische Hurrikan "Irene" ist auch ein schönes Beispiel für Fernempathie. Ganz Deutschland fiebert mit, weil es im Amiland saust und braust und die Natur mal wieder spinnt.
Wahnsinn, sagen wir, das ist doch ein Wahnsinn, die armen Menschen. Ja schon, aber die armen Menschen gurken auch seit Erfindung des Motors munter durch die Lande und verpesten seit Jahrhunderten eifrig die Umwelt mit ihrem Müll und schießen alles ab, was nicht schnell genug laufen kann – ich meine jetzt Getier, keine Chefs von der bösen Achse -, und saugen alles Öl aus der Welt, um noch mehr Plastik und Abgase und Scheiße zu produzieren. Sie haben „Turbokühe“ gezüchtet, die wegen ihrer monströsen Euter nicht mehr richtig laufen können. Sie schaufeln sich miese Nahrung rein, bis sie an einem Kran hängend einkaufen müssen, schütten sich heißen Kaffee über den Schoß, trocknen ihre Katze in der Mikrowelle und wenn sie nicht mehr weiter wissen, verklagen sie irgendeinen Hersteller und klagen die Welt an, weil sie nicht Schuld sind – es stand schließlich kein „Achtung heiß“ auf dem Kaffeebecher.
Wer so mit seiner Heimat und anderen Menschen umgeht, darf sich nicht über Naturkatastrophen wundern, die es nebenbei schon früher gegeben hat, halt nur nicht so schlimm. Und trotzdem sitzen wir gebannt vor den Bildschirmen und verfolgen das Schicksal der gepeinigten Amis, über das wir aber dann nicht weiter nachdenken brauchen, während auch bei uns das Wetter zuweilen um sich schlägt, dass die Katze drei Tage lang nicht mehr vom Hochbett herunter kommen mag. Am Mittwoch, den 24. August 2011, zum Beispiel. Da tobten der Regen und der Blitz und der Donner. Aber wer sind wir denn bitte sehr, dass wir unserem Nachbarn beim Kellerauspumpen helfen oder wenn sein Haus erheblichen Schaden genommen hat oder seine Frau unter einem Baum liegt.
Wir müssen uns ja um unseren eigenen Kram kümmern und uns ärgern, dass die böse Erb-Omma sich nicht vom Baum hat erschlagen lassen. Und wir hocken uns sicherlich nicht hin, um die Entwicklung von Wetter, Leid und Schaden in Niederbayern oder Franken oder weiß der Teufel wo zu verfolgen. So ein Hurrikan ist viel interessanter, weil wilder, hui!
Zu polemisch? Ich setze noch einen drauf! Wie gut und gern wettern die Leute dieser Tage gegen die unmöglichen, unkontrollierbaren, wilden, entmenschten, englischen Jugendlichen. Von Chaos ist die Rede. Von angeblichen „Brandschatzungen“. Von ungerechtfertigter, sinnloser Zerstörungswut. Ein Blackberry hat beinahe den Status eines Butterfly oder einer Pistole. Nicht dass sich in Deutschland keiner über die deutschen Jugendlichen aufregt, aber die sind ja noch mal ein anderes Kaliber, und diejenigen, die der elitären Gymnasialschicht angehören, sind sowieso ungefährlich.
Wir echauffieren uns also wegen Menschen, die anderen Menschen etwas wegnehmen, gleichgültig gegenüber dem Verlust und Leid der anderen, nur damit sie sich bereichern. Stoppen will der Staat sie. So, so. Notfalls mit Gewalt. Aha. Warum stoppt keiner die deutschen Banken? Notfalls mit Gewalt? Warum regen wir uns nicht genug über sie auf, also so, dass sie endlich mit ihrem Kredit-Irrsinn aufhören? Warum fürchten wir uns nicht vor koffein- und koksabhängigen deutschen Aktionären? Warum treibt man die wildgewordenen und Hedge-Fondsler nicht aus offenen Fenstern oder lässt sie von der Polizei mit Schlagstöcken durchnudeln? Warum sehen wir mit einem Schulterzucken den Konzernen zu, die Nahrungsmittelpreise in absurde Höhen treiben? Stimmt, es gibt einen Unterschied: Ein deutscher Bänker ist nicht in einem englischen Unterschichtenviertel mit zehn Geschwistern, Armut, Diskriminierung, Hunger und Chancenlosigkeit aufgewachsen. Er handelt nicht aus einer Not heraus.
Bei der Elite ist es bloße Gier. Was die jungen Protestengländer und Gespickten gemeinsam haben, ist ihre Erziehungsberechtigte, die kapitalistische Gesellschaft, die ihnen immer wieder einbläut: „Jeder ist seines Glückes Schmied, und hast du was, dann bist du was.“ Aber vielleicht erkennen die meisten von uns dies alles bald, und dann kommt auch keine Karikatur mehr in eine Zeitung, die libysche Rebellen mit den englischen Jugendlichen gleichsetzt, weil wir dann schon so informiert sind, dass wir wissen, dass der teuflische Gaddafi an sein Volk das Ölgeld auszahlen hat lassen und Protest nicht gleich Terror ist.
Fremdtrauern liegt mir wir gesagt nicht. Fremdschämen schon. Zum Beispiel bei „Loriot tot“ und „Danke Amy, für alles, was du uns geschenkt hast“. Und doch verstehe ich diese modernen Menschen ohne rechte Empfindung für Echtes. Allein Facebook fördert den Realitätsverlust bezüglich der persönlichen Wichtigkeit, Unsinn und Lügen und dem echten Leben. Und wer am echten Leben vor oder hinter der Haustüre nicht teilnimmt, muss nicht irgendwann feststellen, was alles falsch läuft, dass er vielleicht gar kein zufriedenes Leben führt. Denn was man nicht kennt, kann man nicht vermissen.
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