Spotlight : Ein unerträglich mediales Kasperltheater in Deutschland
Geschrieben von redaktion am 08.02.2012 14:57 (2084 x gelesen)

Mit Gott fang an, mit Schalk hör auf, sonst geht hernach ein Sender drauf 4666efd0038a492391305e39907fa352
Ein Kommentar von Andrea Limmer

Andrea LimmerEs ist freilich nicht so, dass es derzeit keine „richtigen“ Katastrophen gäbe, über die jeder sprechen und so tun kann, als hätte er eine Ahnung. Die schlimmste heißt: Costa. Nein, nicht Cordalis – der ist keine temporäre Katastrophe –, sondern: Costa Concordia. Allein weil das Schiff aufgrund eines debilen Befehlshabers auf- und vollgelaufen ist. Wir Deutschen kennen einen solchen Ablauf – und hoffentlich hat unser Enddarmgedächtnis diesen Dominoeffekt bald so gut gespeichert, dass wir uns nicht mehr verscheißern lassen. Aber zurück aufs Schiff!

Man verliert über die tragischen Todesfälle, mysteriöse Wasserstoff-Blondinen und einen aufgeschwemmten Kapitän, der anscheinend noch nicht richtig laufen und lügen gelernt hat, gern aus dem Blickfeld, dass die idiotische Angeberei und der Dilettantismus des bemützten Chef-Gockels dazu führt, dass die schlimmsten Folgen die Umwelt zu tragen hat. Und die kann nun wirklich nichts dafür. Außerdem redet niemand – außer einem verirrter Naturhansel auf Bayern2 – darüber, dass Kreuzfahrten an sich eine unnötige und umweltsaumäßige Angelegenheit sind, wegen dem Schweröl und den vertriebenen Viechern und dem über die Planke geschickten Müll und Tralala. Wir posten lieber auf Facebook das „Edeka“-Angebote einer weiteren „Costa“-Kreufahrt und lachen. Sicher, mit Lachen verarbeitet man schlimme Geschehnisse. Wir könnten aber auch einmal kurz nachdenken und dann lachen.

Die andere Katastrophe wird nur so genannt und ist in Wirklichkeit ein Kasperltheater, bei dem der Kasperl seinen Körper an das Krokodil verkaufen muss, die Prinzessin den Petzi-Bären dem Gott „Märkte“ opfert und seine Leber verspeist, während der Seppl sich in der Zeitarbeitsfirma vom bösen Zauberer Schmutzbuckel einen Schlaganfall erarbeitet. Genau, sie spielen wieder das Stück: „Die Krise“ aka: „Das verkaufte Hirn“. Das Angenehme hierbei ist: Ich muss in keine Vorstellung gehen.

Dann wäre da noch die Überwachung linker Politiker, während in München Neonazis bewaffnet herum „demonstrieren“, wie geschlossen und öffentlichkeitstauglich sie doch sind. Gleichzeitig ist zu befürchten, dass Gaddafi von diversen Propagandahanseln als Auslöser und einziger Feind des „Arabischen Frühlings“ hingestellt wird, während Coca Cola fröhlich Swasiland ausbeutet, die AIDS-Epidemie und das Treiben des Despoten Mswati III. ignoriert und Facebook unser ganzes Leben online stellt. Oh, bevor ich es vergesse: Zwischen „FDP“ und „Costa Concordia“ drängelt sich unübersehbar ein Gleichzeichen. Auch hinsichtlich der Besatzung.

Die FDP fährt schon lange in jenen Gewässern, aus denen sie immer wieder Grüß-Gott-Onkels, Spezln und Geldsäcke herausfischt, die anschließend einen sicheren und gut bezahlten Posten bekommen. Wenn jemand ungeeignet und womöglich eine personifizierte Havarie ist, wird das zu spät erkannt – und ignoriert. (Es ist eigentlich leicht nachzuvollziehen, warum Menschen ein Atomkraftwerk an eine von Tsunamis heimgesuchte Küste bauen, gell.)

Trotz alledem, trotz alledem beschäftigt mich etwas, das keine Natur- oder menschlich verursachte Katastrophe ist. Es ist subtiler, manipulativer und vor allem: geplant. „Gottschalk Live“ ist eher das, was aus einem havarierten Schiff herausfließt/runterpurzelt/begraben wird. Denn diese Sendung, dieser Vorabendpfropfen, ist eine Frechheit. Ich fühle mich einmal mehr als GEZ-pflichtiger Bürger verhöhnt.

Die „jungen Wilden“ des BR wiederum, die Leutchen von on3, haben nichts Besseres im Sinn, als der ARD hinterher zu hecheln und so zu tun, als ob sie witzig und spritzig über Thommy-Boy berichten wollten. Da hampert ein Schneller bei „Schneller schaut fern“ herum und geht irre oft in die Werbung (hi, hi!), zeigt gestellte und gefakte Fotos von sich beim Twittern und Facebooken (ho, ho!), fuchtelt vor dem stalleigenen „Social-Media-Experten“ mit den Händen, um ein schlecht geführtes Gespräch schlecht zu imitieren und zu zeigen, dass sie, die Jungen der Öffentlichen, die wirklichen Revolutionäre sind und ein alter Schalkbesen sich nicht mehr trauen darf, mit Twitter und „solchen Geschichten“ zu kokettieren (he, he!), und sagt schlussendlich, dass Gottschalks Sendung okay gewesen sei. Und dann erleuchtet mich Schnellers Nonsens, und ich verstehe: Er will Satire machen. Oder so.
„Sehr geehrter Herr Schneller,

ich bitte Sie, mir die Reinigungskosten einer Jeans, eines T-Shirts, einer Adidas-Jacke und den Kaufpreis eines Milchkaffees (mit Sojamilch, nicht mit der von Aldi) zu erstatten, da ich nach Ihrer Sendung leider meinen frisch gekochten Milchkaffee aufgrund von ruckartigen Zwerchfellkrämpfen verschüttet und -prustet habe.

Vielen Dank

Andrea Limmer

Wirklich, alles gegen den Dampfplauderschlumpf Gottschalk, aber: So einen langweiligen Kokolores hätte er als Junger nicht veranstaltet. Sprechen konnte er außerdem. Ganze Sätze und so. Gottschalk 2012 spricht wie Schneller, stockend und hauptsächlich damit die Luft scheppert. Was will Gottschalk von uns? Klar: Dass wir einschalten und ihn dufte finden. Und: „... den Zuschauer zu verstehen. Und den Zuschauer dazu zu bringen, mich zu verstehen.“ Aber warum und wie sollten wir? Weil er Thomas Gottschalk heißt und jede Absonderung von ihm nach Witz und Veilchen duftet? Ich kann schon verstehen, dass er ums Verrecken nicht in Würde abtreten mag. Aber es ist mir genauso Wurscht wie bei Helmut Kohl oder diese Geschichte über diesen angeblichen Gottschalk-Cousin, der verarmt in Polen haust, und über den sich Gottschalk in seiner Sendung auch noch ziemlich böse lustig macht. Dabei übersieht der Mann fürs Grobe leider die diffuse Funzel, unter die er sich mit seinem Boulevardleser-Outing stellt.

Gottschalk 12.0 indes hampert weniger, als dass er tattert, zeigt überflüssigerweise seine Redaktion her, ruft die Internetuser, die ihren Laptop „sogar auf den Knien haben“ auf, ihn online zu begleiten, und zieht den jungen Gottschalk als Grund für seine neue Sendung hinzu. Damals hat er im Radio gesagt, dass dieser 23. Januar ein Grund zu feiern sei. Ein Prophet ist er also auch schon immer gewesen. Ich frage mich, was Radio-Gottschalk getan hätte, wenn er seine eigene Zukunft als Füllstöpsel in der ARD vorhergesehen hätte, der „leicht über schwere Themen“ sprechen will und versucht, die anwesenden Presseleute bei der Pressekonferenz zur Sendung mit Enthüllungen und platten Witzen zu ködern. Was ihm gelingt, man will es nicht glauben. „Journalistisch“ höre er sich an, meinen die Presseleute und applaudieren ihm. Noch.

Denn während überall auf der Welt etwas passiert, das wirklich von Belang ist, hockt The Gottschalk himself in seinem Elfenbeintürmchen in Berlin und wird es wie Wulff machen: rudern, im Trüben fischen und auflaufen. „Hauptstadt Magazin“, nennt die männliche Miss Germany seine Sendung am Anfang der Pressekonferenz ungeduldig, als sich ein Frager dreist danach zu erkundigen wagt, was er überhaupt machen will. So was ist anscheinend wichtig, weil in einer Hauptstadt am meisten los sei. Ja, ja, aber von dem, was da so los sein soll und sogar ist, erfährt man nichts von ihm – wie auch, er lebt doch seit vielen Jahren nicht mehr in deutschen Landen. (Was hat es eigentlich mit dieser Hauptstadtfixierung auf sich? „Berlin hat was.“ Will er Bundeskanzler werden, oder was?) Alles verströmt den unangenehmen Geruch von „Wetten, dass …?“ im Pfarrheim von Hinterbuch am Unterbuchbach. Bei der Pressekonferenz zählt der Chef dann lauter prominente Menschen auf, die zu ihm kommen sollen. Wobei er in seiner Sendung betont, dass nicht dauernd irgendwelche Promis bei ihm herumhocken und Werbung für sich machen sollen, trotzdem er ja Gott und die Welt kenne. Ja, aber! Man kann doch trotzdem Nicolas Cage zeigen und seinen neuen Film erwähnen. Und wenn doch der Stephen King, mit dem er bestimmt schon Blutbrüderschaft geschlossen hat, in der „Hauptstadt“ ist, dann „will“ er freilich mit diesem über seine Bücher, „aber nicht nur“, reden und über die „Thrillersüchtigkeit, den Wunsch, sich zu gruseln, im Menschen“. So groß ist der Gruselwunsch offensichtlich nicht:

Die zweite Sendung erzielte eine „Schrumpfquote“ (Spiegel), lag sicher nicht nur am Dschungelcamp oder an der fehlenden „ARD-Krawatte“ (Gottschalk). Es lag vielmehr daran, dass einem die Zehennägel einschlafen, wenn der selbstgekrönte Kaiser der Peinlichkeiten über eine ARD-Krawatte und seinen Unwillen, sie zu tragen, spricht. Oder daran, dass er auf den Knien herumrutscht, um die Zuschauer anzuflehen, doch wieder einzuschalten. So etwas ist nie lustig, außer bei Leuten, die Humor beherrschen. Sonst stößt so etwas ab, das weiß jeder, der schon einmal einen Menschen derart hindern wollte, zu gehen. Dies alles wird untermalt von seinem selbstgefälligen kess-listigen Tonfall.

Gottschalk wollte die ARD und vor allem sich selbst mit seinem Glanz polieren, auf dass die Quoten am Vorabend und seine Beliebtheit sich erheben. Der Glanz ist jedoch alt. Und der Lack ist leider ab. Die ARDler und sonstigen Öffentlichen sollten ihre derzeitige TSV-1860-Taktik von 1999 ändern und sich keinen Thomas Häßler unter den Moderatoren mehr ins Team holen.

Von mir aus sollen sie am Vorabend Werbung machen, obwohl wir Gebühren zahlen, wenn ich dafür gescheite Sendungen zu sehen kriege. Aber ein solcher alter Schimmelkäse ist für uns, von denen die GEZ wie die Wegelagerer Geld eintreibt, genauso eine Beleidigung unserer Intelligenz wie diese betulichen Familienstories, die allesamt von betuchten Deutschen handeln, die im Ferienaparadies allerhand hanebüchene Geschichten erleben. Wer so etwas gut findet, der schaut sowieso Dschungelcamp und Frauentausch und kann darauf verzichten, eine Günther Jauch Krawatte geschenkt zu bekommen.

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