Spotlight:Mehr als eine Frage der Ehre - Deutschland zeichnet aus

Spotlight : Mehr als eine Frage der Ehre - Deutschland zeichnet aus
Geschrieben von redaktion am 03.04.2012 14:20 (1833 x gelesen)

Zu viel der Ehre?
Ein Kommentar von Andrea Limmer

Andrea LimmerUm bestimmte Personen aufgrund ihrer Stellung oder ihres Tuns von anderen abzuheben, hat sich der Mensch die Ehrung einfallen lassen, zum Beispiel in Form des Zapfenstreiches für einen Herrn Wulff. Bevor Wulffs Wunschkonzert stattfand, haben einige böse Zungen seine Ehrung in Frage gestellt, weil er ein bisschen anders ministert hat, als er hätte sollen. Wulff ging trotz aller Unkenrufe zu seinem Zapfenstreich. Menschen mögen Anerkennung. Auch eine scheinbare.

48ae267335c746ad9eb49eb9cd156a5bGloria von Thurn und Taxis wurde unlängst ebenfalls wieder einmal geehrt. Und zwar mit der Salvator-Kette. Diese ist ein Wanderpreis und wandert seit 2005 jedes Jahr von dem einen Hals zum anderen, doch offenbar nur, wenn unterhalb des Halses ein CSU-Parteibüchlein in der Jackentasche steckt oder in der Jacke ein Von-Name eingestickt ist. Offiziell bekommt man die Kette, gemäß den Richtlinien der Königstreuen in Regensburg, für die Hege und Pflege (in besonderer Art und Weise freilich) der Kultur, der Geschichte und des Brauchtums. Im Fall Fürstin heißt dies: Sie schaut drauf, dass das kulturelle Erbe der Fürstenfamilie Thurn und Taxis nicht verkommt.

Ich finde das beachtlich. Man zeichnet eine Person aus, weil sie sich drum kümmert, dass ihr Eigentum schön erhalten bleibt. Es sagt viel über diese Zeit aus, dass man ein solches Verhalten ehrt und eine solche Person ein „Markenzeichen Bayerns“ nennt. Besonders hinsichtlich der von Gloria selbstinszenierten Demontage ihres Rufes, indem sie 2001 in der ARD-Talkshow „Friedmann“ laut über „den Schwarzen“ sinnierte, der „gern schnackselt“ und dadurch das Aids-Problem in Afrika auslöse. Doch im Erhalten des Eigentums ist sie groß, ehrlich. 1992 musste sie zum Beispiel noch Bücher versteigern und Möbel bayerischen Museen vermachen, um geerbte Steuerschulden in Höhe von 50 Millionen Mark abzuzahlen (unter anderem nachzulesen im „Spiegel“), was die bayerische Landesregierung und ihr Volk entsetzte. Klar, Adel verpflichtet zu Glanz und Gloria. Aber bereits 2004 belegte unsere Gloria mit 1,25 Milliarden Euro Platz 66 in der Liste der reichsten Deutschen (in einem Sonderheft des Manager Magazins).

„Markenzeichen Bayerns“ … ich möchte im Ausland ehrlich gesagt auf etwas anderes angesprochen und mit jemand anderem verglichen werden – wenn überhaupt – als mit der Gloria. Allerdings könnte dieser Kettenpreis auch eine Gaudi sein. Eigentlich muss es eine Gaudi sein. Wer würde denn einer Frau ernsthaft eine Kette rumhängen, die sie nach einem Jahr wieder hergeben muss? Und wer würde einer Frau, die eh reich an Geld und fürstlichen Juwelen ist, ernsthaft eine Kette verleihen, die aussieht wie aus einer dorfwirtschaftlichen Zapfanlage herausgebrochen?

Dann höre ich zufällig den Namen „Westerwelle“, und ich merke, dass nicht ein jeder für den Erhalt und die Pflege seiner eigenen Interessen und Geldquellen geschaffen ist. Hat die Gloria vielleicht doch einen Preis verdient? Zumindest den: „Zumindest-besser-als-die-FDP-Preis“. Ach ja: Wo ist eigentlich Westerwelle? Was tut er dort? Und warum? Es ist ein bisschen erschreckend, wie schnell man jemanden aus den Augen verliert, obwohl man einst starke Gefühle für diesen Menschen verspürte.

Westerwelle ist immer noch Außenminister und in der gelben Partei. Zudem wurde er erst am Mittwoch, den 28. März 2012, neben Rösler am Kabinettstisch gesichtet, unter anderem von der „BILD“, die ihn mit einer Tabasco-Flasche fotografierte, um die herzergreifend verschmunzelte Frage rauszuhauen: „Fehlt der FDP ein bisschen Würze, Herr Außenminister?" Ja mei, auf solche Zeilen hin ruft wenigstens keiner in der Redaktion an.

Wenn sich Westerwelle nicht gerade den Tomatensaft würzt, kabbelt er sich von fern mit Alexander Lukaschenko, der vor drei Monaten die Weißrussin Asarenka für ihren Sieg bei den Australian Open ehrte, mit einem Orden und den Worten: „Mit deinem heißen Tennis-Kampf hast du im Januarfrost unsere Herzen angezündet.“

Unser Außenminister bezeichnete, wie einige andere Politiker, den weißrussischen Staatschef und Sportfan als „letzten Diktator Europas“. Lukaschenkos Erwiderung folgte in Form eines Statements am 4. März gegenüber der staatlichen Nachrichtenagentur „Belta“: „Ich sage mir, besser Diktator sein als schwul.“ Westerwelle blieb cool. Die Aussage richte sich selbst, meinte er. Indes verspricht er Palästina Hilfe beim Staatsbau und droht dem Iran mit Sanktionen, wegen dem Atom, das die nicht haben dürfen. Man hätte, sagt Westerwelle, „viel früher und entschiedener mit der Sanktionspolitik beginnen müssen.“ Ich rieche, rieche Ölvorräte.

Nein, Verzeihung, es geht ja ums Atom. Denn die Verbreitung von Nuklearwaffen soll verhindert werden, sagen Vertreter aus 53 Ländern auf einer Sitzung in Seoul. Seit Montag diskutieren sie, wie diese Verhinderung aussehen soll. Westerwelle schlägt auf www.guido-westerwelle.de vor, dass Terroristen nicht auf entsprechendes Material zugreifen dürften. Das will er mit Transparenz erreichen. Sehr gut. Terroristen lieben Transparenz.

Und sonst so? Ach ja, eine neue Brille hat er sich geleistet, der Herr Westerwelle. Während sich seine FDP den alten Kurs leistet, obwohl das gelbe Schiff längst gekentert ist und die eisernen Neo-Liberalen auf einem Eisberg hocken und den Schlager singen: „Wieder alles im Griff, auf dem sinkenden Schiff. Keine Panik, auf der Titanik.“

Aufgelaufen sind sie nicht nur weil die Piraten ihren Kurs gekreuzt haben, sondern weil alle an Bord das Steuerrad anstarrten und sich fragten, was sie damit eigentlich machen sollen, die Rettungsbote und Schwimmwesten hat der Chef sowieso verscherbelt. Das Eisbergexil reicht den FDPlern indes nicht, sie schmelzen den Berg mit Feuerwerfern und halten auch noch Schilder in die Höhe, auf denen geschrieben steht: „Wir beißen gerne in die Hand, die uns füttert.“ Oder: „Wer an uns glaubt, glaubt auch an den Rettungsschirm.“ Ja, da stehen sie auf der Beliebtheitsskala eh schon auf einer Stufe mit Fußpilz und verhindern noch eine Transfergesellschaft für die Verkäuferinnen von Schlecker, während Banken, die ihren Untergang selbst verschulden, das Geld wie Billigzucker hinten hinein geblasen wird. Will die FDP etwa mit dem Darwin Award geehrt werden? Genau, wir waren ja eigentlich bei der Ehre. Die Salvator-Kette wird von der FDP wohl nie jemand bekommen.

Manchmal lässt sich die Ehre sogar dazu herab, normale Leute zu treffen. Dafür müssen diese jedoch mindestens einen Menschen oder so retten. Im Januar 2011 ehrte man den LKW-Fahrer Roland Wolf. Er rettete im Februar 2010 drei Menschen und die Stadt Lohne vor einem Feuerinferno, indem er seinen brennenden Lastwagen von der Straße runter lenkte. Normalos werden also ausgezeichnet, wenn sie sich für den Erhalt von Leib, Leben, Gütern etc. von anderen Leuten einsetzen. Allerdings wäre den Roland Wolfs dieser Welt, egal ob Krankenpfleger oder LKW-Fahrer, wahrscheinlich eine Ehrung in Form von anständigen Arbeitszeiten und Löhnen lieber als ein Zeitungsartikel und ein warmer Händedruck samt Urkunde und Gedenkmünze von einem Bürgermeister. Na ja, wenigstens hat er auch einen Präsentkorb bekommen, da wird schon ein roter Wein, eine Kiwi und eine gute Wurst drin gewesen sein.

Aber jetzt nur kein Sozialneid, gell. Denn wenn man sich anschaut, wer alles für was alles von wem alles ausgezeichnet und geehrt wird, kann man während einer Preisverleihung sehr gut den Reich-Ranicki machen. Herr Westerwelle zum Beispiel trug 2001 den Titel „Krawattenmann des Jahres“, der seit 1965 vom Deutschen Krawatteninstitut in Krefeld vergeben wird, und erhielt im gleichen Jahr den „Orden wider den tierischen Ernst“ vom Aachener Karnevalsverein. Letzteren bekam unsere Fürstin 2008 ebenfalls. Da lachen ja die Hühner.

Ich lasse während dieser Gedankengänge „Ehrung“ von Google suchen und stoße zuerst auf den Namen „Wulff“ im Zusammenhang mit dem großen Zapfenstreich als Ehrung und dem Ratschlag von Herrn Gabriel, dass Herr Wulff auf seine volle Amtsausstattung verzichten solle (Artikel im „Spiegel“ vom 07. März 2012). Vielleicht gibt Wulff sich ja mit einer Kette zufrieden.

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