
Suchtgefahr bei World of Warcraft? Irrtum oder grausame Realität?
Datum 01.11.2009 06:58 | Thema: Spotlight
| Du bist kein Krieger
Ein Kommentar von Andrea Limmer
„Und was spielst du?“ Diese Frage ist derzeit von großer Bedeutung. Das merkt man daran, dass die Frage im Freund Fernseher gestellt wird. Noch dazu von Prominenten. Zum von Beispiel Thomas D. (Musiker und Bandmitglied bei den Fantastischen Vier) oder von William Alan Shatner (Captain James T. Kirk des Raumschiffs Enterprise). Diese Frage beinhaltet gleichzeitig eine Aufforderung. „Such dir ein Hobby, Baby“, könnte der Appell lauten. „Aber such dir das richtige Hobby, nämlich WoW.“ WoW, also World of Warcraft (dt: Welt der Kriegskunst), das ist ein sehr gehyptes, sehr beliebtes und immer beliebteres Online-Märchenwelt-Kriegsspiel. Nach jahrelangem Erfolg von WoW und der grenzenlosen Begeisterung der WoWler, wird allerdings inzwischen die Kritik von Experten an dem Online-Märchenwelt-Kriegsspiel immer lauter.
Aber zurück zum Anfang: 2004 brachte Blizzard Entertainment WoW, den Nachfolger von Warcraft III, auf den Markt. Seitdem verdient das Unternehmen nicht schlecht am Kriegshunger von Millionen WoWlern: 981 Millionen Dollar Quartalseinnahmen (Januar bis März 2009).
Klar, seit 2004 spuckt Blizzard Entertainment fleißig WoW-Erweiterungen aus und die schon mit den Füßen scharrenden WoWler kaufen jede Version mit der Dankbarkeit, mit der ein Crack-Raucher die angebotene Pfeife nimmt. Aber halt, bevor man sein Geld für eine Erweiterung ausgibt, muss man sich erst mal einen Account zulegen und schon vor dem Spielbeginn blechen. Man kauft sich zum Beispiel die Standartausgabe und bekommt dafür einen Monat Spielzeit gratis. Und wenn er schön angefixt ist, bezahlt der WoWler monatlich beispielsweise 12,99 Euro (Preisliste auf www.wow-europe.com) dafür, dass er in einer Scheinwelt als Zombie oder überdimensionale Kuh rumrennen darf.
Horden von Jugendlichen und auch Horden von nicht mehr blutjungen Semestern sind diesem Spiel bereits verfallen. Geld hin, Geld her, sparen kann man bei anderen Dingen, wie Essen oder Büchern. Die Zeit der Ego-Shooter ist anscheinend vorbei, so verteufelt und so medienwirksam sie auch präsentiert wurden. WoW hat sie verdrängt, WoW hat alles verdrängt: andere Spiele, mit Freunden treffen, Feste, Wandern und die Realität.
Und zwar weil WoW als cool / geil / endkrass gilt. Ich kenne WoWler (Zwerge, Zauberer, Blutelfen – der ganze Märchenwald halt). Und diese Leute sind süchtig. Allerdings fällt es einem ziemlich schwer, Bekannten oder Freunden die Wahrheit zu sagen. Denn die Wahrheit empfinden wir ja sehr oft als unangenehm oder unwahr – kommt darauf an wer man ist: der Sender oder der Empfänger.
Ein unwilliger Sender versucht sich mit kleinen und großen Lügen herauszuwinden. Denn weil sich die Wucht der unangenehmen Wahrheit konstant proportional zu der jeweiligen furchtbaren Tatsache verhält, kann es passieren, dass man einen Freund verliert, wenn man die Wahrheit sagt. Zum Beispiel: „Das Rissotto riecht wie Tante Friedas brennende Perücke.“ (Wobei man nicht sagen sollte, warum man weiß wie Tante Friedas brennende Perücke riecht.) Oder wenn man zu einem WoWler sagt: „Du bist kein Krieger.“
„Du bist kein Krieger“, wird mit: „Das ist doch nur ein Spiel“, zu einer waghalsigen Aussage
Die Freundschaft zwischen Sender und Empfänger kann in Sekunden abkühlen oder der Sender darf sich eine stundenlange Predigt anhören, warum WoW „nicht bloß ein Spiel“ ist. Mir ist das alles Wurst. Ich stimme den Leuten zu, die sagen, dass WoW gefährlich ist. Denn Realitätsschwund, Sehnenscheidenentzündung und hoher Stromverbrauch sind nur drei Folgen der WoW-Sucht.
Eltern aufgepasst!
WoW bringt einen Menschen dazu, von fünf Uhr nachmittags bis um vier Uhr morgens vor seinem PC zu hocken, wobei er nichts anderes als seine Augen und Finger (Mausklick, chatten, Dosen öffnen) bewegt, obwohl er sich zur selben Zeit auf einer mordsmäßigen Party amüsieren könnte. Seine Aussage eine Woche danach: „Och ja, da war ich grad so drinne und mit der Gilde war’s so lustig und dann hab ich ewig mit so ’nem süßen Mädel gechattet und auf einmal war’s Vier.“ Bitte?!
Wem das nicht komisch genug ist: Bitte, hier sind zwei Beispiele, die schön zeigen, was WoW mit Menschen anstellt.
1. Beispiel: Eine Frau an die 30, liiert, wohnt alleine, investiert ihre Zeit immer öfter lieber in WoW, als in reale Freundschaften oder ihre Beziehung. Ihren „Schatzi“ hat sie über WoW kennen gelernt. Die Laune der Frau hängt inzwischen zum Großteil auch von dem Zusammenhalt/den Streitigkeiten innerhalb der Gilde ab. Mitte des Jahres hatte sie insgesamt über 100 Tage WoW gespielt.
Gilden-Treffen bezeichnet sie als „Urlaub mit meinem Schatzi“. Übrigens hängt die Laune der jungen Frau inzwischen Gilde = Gruppe aus WoW-Kreaturen, die gemeinsam durch Level laufen, auf der Suche nach Ruhm und etwas, das man töten kann. Für eine Mitgliedschaft bei sehr erfolgreichen Gilden muss man sich erstklassig bewerben, was vorzugsweise junge Frauen mit Nacktfotos machen.
Gildentreffen = Die Zocker verlassen ihre Computer und fahren zu einer Hütte irgendwo in Deutschland um ein Wochenende lang real zusammen zu feiern. Bilder von diesen Feiern werden gern wie folgt beschriftet: „Ja, ja, wenn der Druide mit einem Gnom…“ Raids (Raid = Zusammen mit der Gilde ein Level bestehen und den extrem fiesen und dämonischen Endgegner töten) haben für die junge Frau ABSOLUTE Priorität. Dafür fährt sie nach einer Dreiviertelstunde auf einem Sommer-Festival, schon mal eben etwa 100 Kilometer nach Hause zurück, anstatt mit „Schatzi“ über das Gelände des Sommer-Festivals zu flanieren. Aber die Flure in der World of Warcraft sind eben weiter und man muss sich selbst nicht bewegen, weil man ja einen Drachen oder dergleichen zum herumfliegen hat.
2. Beispiel: Ein junger Mann, Single, wohnt bei den Eltern, sein Ehrgeiz beschränkt sich darauf, „in WoW weiterzukommen, das ist mir wichtiger als Karriere“. Wegen seiner WoW-Spielerei kommt er fast nie raus und sein Teint gleicht einer frisch geweißelten Wand. Die reale Partnersuche fällt schwer. Bleibt ihm also noch ein WoW-Mädel – vielleicht eine fast nackte Nachtelfe, die so schön pornographisch tanzen kann.
Der verbale Auswurf des jungen Mannes beinhaltet fast nur noch Infos über WoW. Weil das einen Nicht-WoWler nach ein paar Stunden ermüdet, wird sich der junge Mann vermutlich bald in einer Monokultur bewegen. Das Verhältnis zwischen dem jungen Mann und seinem Vater ist gestört, obwohl die Zwei sich früher recht gut verstanden haben. Aber dem Vater ist WoW und die Sucht des Sohnes suspekt. So ist ihm der Sohn suspekt. Der junge Mann fühlt sich unverstanden und beschließt, dass der Vater ein ignoranter Blödarsch ist.
Vor und nach einem Raid ist der junge Mann stundenlang nicht ansprechbar. Vor dem Raid schläft er, um fit zu sein und nach dem Raid kaut er mit seiner Gilde per Chat den Raid durch. Vielleicht hocken sie dazu ihre Kreaturen auf eine Wiese und lassen sie reden und Kuchen backen. Ja, das kann man auch real, aber da ist das doch schon ein alter Hut mit Freilauf.
Die alles rief die WoW-Kritiker auf den Plan. An vorderster Front steht in Deutschland Christian Pfeiffer, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen. Diese Kritiker fordern unter anderem nachdrücklich, dass WoW erst ab 18 freigegeben werden soll, weil Jugendliche besonders suchtgefährdet sind.
Das Gefährliche an WoW
Das Gefährlichste an diesem Spiel ist also das Suchtpotential. Dieses Potential entsteht durch die Nähe zur Realität und durch die Verfremdung der Realität. Wer in WoW einen Wald von einer Spinnenseuche befreit und dann ein Held ist, wer sich online auf einem Bierfest einen katerfreien Rausch ansäuft, wer unglaublich viele Freunde per Internet immer zur Hand hat, der findet die Realität, in der es freilich viel schwerer ist Freunde zu finden oder ein Held zu sein, mit der Zeit nicht mehr sonderlich interessant. Obwohl einem die vielen Gildenfreund bei realen Problemen offensichtlich gar nichts helfen. Sonst hätte sich nicht vor Kurzem ein WoW-Zocker nach einem Chat umgebracht.
Wer also WoW-Süchtige kennt und ihre viereckigen Blutelfenaugen sieht, sollte sich der unangenehmen Wahrheitsaufgabe annehmen und sagen: „Du bist kein Krieger. Das ist nur ein Spiel - und du bist süchtig.“ Drogensüchtigen sagt man ja schließlich auch, dass Heroin nicht gerade ein Nahrungsergänzungsmittel ist.

|
|